Low level radiation – wo ist die epidemiologische Nachweisgrenze?

 

Immer noch behauptet die offizielle Strahlenschutzcommunity und mit ihr die IAEA, dass
unter einer Dosis von 100 mSv keine epidemiologischen Daten vorliegen, die
einen Strahleneffekt im Sinne der Auslösung von Leukaemien und Krebs belegen.
Dem ist nicht so: Claudio Knüsli und Martin Walter haben der Zeitschrift
„Therapeutische Umschau“ im Juli 2013 ein Manuskript übergeben, das die
Risiken der radiologischen medizinischen Diagnostik aufgrund der neueren
Literatur beschreibt. Schon ab einer Dosis von 5 mSv ist eine dosisabhängige
Inzidenzsteigerung nachzuweisen. So gesehen ist der Evakuierungsgrenzwert von
20 mSv/Jahr für die Bevölkerung der durch die Kernschmelzen von Fukushima Daiichi
betroffenen Population nicht zu rechtfertigen; 20 mSv/Jahr als Grenzwert für die Evakuierung wurden
von der ICRP und von der IAEA vorgeschlagen und von der Japanischen Regierung
installiert. Geradezu ein Hohn ist die Prognose der UNSCEAR, dass keine
erheblichen Pathologien in der betroffenen Bevölkerung zu erwarten seien. Déja
vu – wer erinnert sich noch an die Aussagen der internationalen Gremien im Jahr 1990 zu den Folgen
von Tschernobyl? An der Konferenz in Kiew wurde die Beobachtung eines Anstieges
kindlicher Schilddrüsencarcinome, die eine englische Epidemiologin monierte, als
overreporting abgetan. So damals auch nach einer verharmlosenden Publikation
von Frau Professor Hedi Fritz-Niggli in der NZZ, zu der ein Leserbrief von
Martin Walter zum Thema kindliches Schilddrüsencarcinom in der Ukraine von der
Wissenschaftsredaktion der erwähnten Zeitung als Versuch eines „overreporting“ abgewiesen
worden war.



Wir
publizieren das
Manuskript 
Update: Gesundheitsrisiken durch ionisierende Strahlung in der medizinischen Diagnostik“ nachträglich auf unserer Homepage. Zum Zeitpunkt der
Einreichung, im Juli 2013 war die Publikation noch nicht akzeptiert.
 

Manuskript vom 13.7.2013. Das Manuskript ist in dieser Form am
13.7.2013 noch nicht für eine Veröffentlichung angenommen worden.

 

 

 

PSR / IPPNW Schweiz

 

Claudio Knüsli,
Martin Walter

 

 

 

Update: Gesundheitsrisiken durch ionisierende Strahlung
in der medizinischen Diagnostik

 

Ionisierende
Strahlung gehört  zu den am besten
untersuchten exogenen Noxen. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist bekannt, dass
ihre Anwendung in der Röntgendiagnostik Krebs verursachen kann – in den
Anfängen der Radiologie waren oft Ärztinnen und Ärzte selber betroffen. Deshalb
kommt dem Strahlenschutz  in der
medizinischen Radiologie  eine zentrale
Bedeutung zu. Im Bereich niederer Strahlendosen unter 100 Millisievert (mSv)
besteht grosser Forschungsbedarf, da nebst Malignomen eine Zunahme von
kardiovaskulären Erkrankungen, Missbildungen und genetischen Folgen beobachtet
wurde. Besonders Ungeborene, Kinder und Jugendliche sind strahlensensibel.
Bisherige Berechnungsmodelle zu den Gesundheitsrisiken, die sich in erster
Linie auf Untersuchungen der japanischen Atombombenopfer abstützen, weisen
Unsicherheiten auf. Neue umfangreiche Studien aus England und Australien zur
Krebsinzidenz nach Computertomographie – heute Hauptquelle ionisierender
Strahlung in der medizinischen Diagnostik – bestätigen, dass bereits kleinste
Strahlendosen im Bereich unter 5 mSv kanzerogen sind. In der bildgebenden
Diagnostik sollen deshalb wo immer möglich nichtionisierende Methoden wie
Ultraschall oder Magnetresonanztomographie bevorzugt werden.

 

 

 

Update:
Health risks induced by ionizing radiation from diagn
ostic imaging

 

Ionizing radiation is the most thoroughly investigated
exogenous noxa. Since the early 20th century it is well known that
using ionizing radiation in diagnostic procedures causes cancer – physicians
themselves frequently being struck by this disease in those early days of
radiology.  Radiation protection therefore
plays an important role. Below doses of 100 Millisievert (mSv) however much
research has to be accomplished yet because not only malignant tumors, but
cardiovascular diseases, malformations and genetic sequelea attributable to low
dose radiation have been described. Unborns, children and adolescents are
highly vulnerable. Dose response correlations are subject to continuing
discussions because data stem mostly from calculations studying Japanese atomic
bomb survivors. Radiation exposure is not exactly known, and it is unknown, if
observations of radiation induced diseases in this ethnicity can be
generalized. Nowadays the main source of low dose ionizing radiation from
medical diagnostics is due to computertomography (CT). Large recent clinical
studies from the UK and Australia investigating cancer incidence after
exposition to CT in childhood and adolescence confirm that low doses in the
range of 5 mSv already significantly increase the risk of malignant diseases
during follow up. Imaging techniques as ultrasound and magnetic resonance tomography
therefore should be preferred whenever appropriate.

 

 

 

 

 

Ionisierende Strahlung

 

Ionisierende Strahlen
sind in erster Linie Alpha-, Beta- und Gammastahlen, Röngtenstrahlen, ferner
Neutronen und Protonen. Die Ionisation von Molekülen ist die kritische Einwirkung
auf lebende Materie. Sie löst Mutationen an der DNA im Zellkern und im
mitochondrialen Genom, das ausschliesslich mütterlich vererbt wird, aus. Als Folgen
ionisierender Strahlung sind u.a. Malignome, kardiovaskuläre Erkrankungen,
teratogenetische Missbildungen bei Föten, Veränderungen des Genoms (z.B.
Trisomie 21, Veränderung der Sex Odds Ratio bei Lebendgeburten [1],
vererbbare genetische Defekte und als komplexes Geschehen Genominstabilität,
die auch transgenerationell weitergereicht wird, beschrieben. Bereits 1956
publizierte Alice Stewart ihre
Beobachtung, dass in utero Strahlenexponierte eine erhöhte Leukämieincidenz
nach ihrer Geburt aufwiesen [2
].

 

 

 

Strahlenbelastung in der medizinischen Diagnostik

 

Seit Beginn des
Einsatzes von Röntgenstrahlen in der medizinischen Diagnostik ist deren
Karzinogenität bekannt. Insbesondere Ärzte waren die ersten offensichtlich Leidtragenden
und gaben auch die wesentlichen Anstösse für den radiologischen Strahlenschutz (Tabelle
1).

 

 

 

Tabelle 1: Ionisierende Strahlung:
Natürliche Hintergrundstrahlung und Strahlenschutzgrenzwerte




















Natürliche
Hintergrundstrahlung

 


ca. 3 – 5 mSv /
Jahr

 


Grenzwert für
Allgemeinbevölkerung aus künstliche Quellen

 


1 mSv / Jahr

 


Grenzwert für beruflich
Strahlenexponierte

 


20 mSv / Jahr

 


Radiologisch-diagnostische
Indikationen

 


keine Grenzwerte

 

 

 

 

Verschiedene
bildgebende Verfahren führen zu unterschiedlicher Strahlenbelastung des

 

Organismus. CT und
PET, aber auch eine konventionelle Magendarmpasssage, das Colonkontraströntgen
nach Holzknecht, die iv-Pyelographie verursachen die höchsten Strahlendosen.
(Tabelle 2.).

 

 

 

Tabelle 2: Exposition durch
ionisierenden Strahlen in der medizinischen Diagnostik Medizin (adaptiert nach Brenner [3
])








































































Untersuchungsmethode,
Altersklasse

 


Millisievert (mSv)

 


CT Abdomen

 


 

 


– Erwachsener

 


10

 


– Neugeborenes

 


25

 


CT Schädel

 


 

 


– Erwachsener

 


13

 


– Neugeborenes

 


65

 


Thoraxröntgen pa./lat

 


0.01/0.15

 


Magendarmpassage

 


15

 


Screening
Mammographie

 


3

 


Colonkontrastaufnahme

 


9

 


iv Pyelogramm

 


4.6

 


LWS