Vor dem Museum Henry Dunant in Heiden, in einer Installation der St. Galler Künstlerin Lucie Schenker, schwebt ein aussergewöhnliches Objekt: die Peace Bell von Nagasaki. Es ist eine von weltweit 5 Kopien jener Angelus-Glocke, die den Atomabwurf vom 9. August 1945 auf die japanische Stadt fast schadlos überstanden hatte. Die prachtvolle Glocke, ein Geschenk aus Nagasaki, traf im März 2010 in Heiden ein. Seither wird jedes Jahr am 9. August mit dem Läuten der Friedensglocke im Rahmen einer öffentlichen Feier mit prominenten Gästen der Katastrophe von Nagasaki gedacht.
Als Gastredner begrüssen die Veranstalter in diesem Jahr 2026, am 9. August, Botschafter Dr. Thomas Greminger, den Exekutivdirektor des Genfer Zentrums für Sicherheitspolitik (GCSP). Er befasst sich mit den drängendsten Fragen der internationalen Agenda, darunter mit der Zukunft der europäischen Sicherheit und ihrer institutionellen Architektur.
Grussworte
• Dr. Othmar Kehl Vertreter der IPPNW/PSR (International Physicians for the Prevention of Nuclear War / Physicians for Social Responsibility),
• Robert Diethelm, Gemeindepräsident Heiden / Mayors for Peace,
• Susann Metzger, Regierungsrätin Appenzell Ausserrhoden,
• Nora Kronig, Direktorin SRK
Musik
• Yuko Ishikawa (Violine),
• Iryna Gintova (Violine)
Die Rede von Dr. Thomas Greminger

Meine Damen und Herren
Herzlichen Dank für die Einladung ins schöne Heiden AR. Es ist für mich eine grosse Ehre, an dieser Friedensglocken-Zeremonie teilnehmen zu dürfen.
Eine solche Installation ist ein sichtbares Zeichen des Gedenkens, des Friedens und der Widerstandskraft.
Der Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Nagasaki am 9. August 1945 führt uns auf eindringliche Weise die schreckliche Zerstörungskraft des Krieges und die Gefahren von Atomwaffen vor Augen.
Die Alarmglocke läuten
Doch, meine Damen und Herren, in diesen unruhigen Zeiten fürchte ich, dass wir heute keine Friedensglocke, sondern eine Alarmglocke läuten.
Die Konflikte im Mittleren Osten und in der Ukraine eskalieren in einer gefährlichen Spirale aus Aktion und Reaktion.
In vielen Teilen der Welt erleben wir ein neues Wettrüsten und sogar eine wachsende Gefahr der Weiterverbreitung von Atomwaffen, der nuklearen Proliferation also.
Nach mehr als vier Jahren Krieg droht die Lage in der Ukraine in eine gefährliche neue Phase einzutreten. Moskau hat seine Rhetorik verändert: Statt von einer «militärischen Spezialoperation» gegen die Ukraine spricht es inzwischen von einem «Krieg» gegen den Westen.
Zudem werden die Waffensysteme immer leistungsfähiger, während neue Technologien weitere militärische Handlungsfelder eröffnen. So erhöht beispielsweise die Integration künstlicher Intelligenz in militärische und nukleare Führungs-, Kommando- und Kommunikationssysteme das Risiko einer nuklearen Eskalation.
Kurz gesagt: Es steht sehr viel auf dem Spiel – möglicherweise mit katastrophalen Folgen.
Wo sind die Friedensmacher?
Doch wo bleibt das Bewusstsein für die Dringlichkeit der Lage? Wo sind die Friedensmacher?
Diejenigen, die den Zweiten Weltkrieg und die Zerstörung Hiroshimas und Nagasakis miterlebt hatten, sagten: «Nie wieder.» Die Präambel der Charta der Vereinten Nationen beginnt mit dem Aufruf, künftige Generationen vor der Geissel des Krieges zu bewahren.
Nach der Kubakrise und erneut nach der Katastrophe von Tschernobyl unternahmen die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion wichtige Schritte, um die von Atomwaffen ausgehenden Risiken zu verringern.
Erinnern wir uns an die berühmte Erklärung der Präsidenten Gorbatschow und Reagan von 1985 in Genf: «Ein Atomkrieg kann nicht gewonnen werden und darf niemals geführt werden.» Die Erklärung wurde am 3. Januar 2022 von den fünf ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrats bekräftigt. Das war wenige Wochen vor Russlands Angriff auf die Ukraine.
Heute haben wir einen amerikanischen Präsidenten, der damit droht, Iran zu «dezimieren und zu zerstören», während einflussreiche Stimmen in Moskau offen über einen möglichen Einsatz taktischer Atomwaffen sprechen. In einigen Ländern, vor allem im Mittleren Osten und in Ostasien, wird zudem immer lauter über den Aufbau einer eigenen nuklearen Bewaffnung diskutiert.
Gleichzeitig wurde das Sicherheitsnetz aus Rüstungskontroll- und Nichtverbreitungsverträgen immer weiter abgebaut. Mit dem Auslaufen des New-START-Vertrags und der Nichtverlängerung der Obergrenzen für Atomsprengköpfe zu Beginn dieses Jahres haben die Vereinigten Staaten zum ersten Mal seit Jahrzehnten keinen bilateralen Rüstungskontrollvertrag mit Russland mehr. Das heißt, dass es zwischen den beiden mit Abstand wichtigsten Nuklearwaffenstaaten keine gemeinsam definierten Spielregeln mehr gibt.
Wir leben in gefährlichen Zeiten.
Ein Aufruf zum Frieden
Das Henry-Dunant-Museum mahnt uns, Verantwortung zu übernehmen und zu handeln.
Sie sind alle vertraut mit der Geschichte Henry Dunants: Er war zutiefst erschüttert über das menschliche Leid, das er während der Schlacht von Solferino sah. Deshalb mobilisierte er Hilfe für die Kranken und Verwundeten. Daraus entstand schliesslich das Internationale Komitee vom Roten Kreuz.
Wir dürfen nicht zu blossen Zuschauern der Ereignisse werden, die sich heute vor unseren Augen abspielen – und des menschlichen Leids in vielen Teilen der Welt, sei es in Gaza, im Libanon oder in der Ukraine.
Wir müssen uns entschlossener für den Frieden einsetzen. Wir müssen den Dialog fördern – gerade auch zwischen verfeindeten Seiten. Und wir müssen auf internationale Zusammenarbeit setzen. Das ist der Schweizer Weg. Und es ist der Weg der Menschlichkeit, den uns Henry Dunant vorgelebt hat.
Was können wir konkret tun? Lassen Sie mich einige Ansätze nennen – darunter auch Initiativen, an denen das Genfer Zentrum für Sicherheitspolitik (GCSP), das ich leite, beteiligt ist.
Die Schweiz kann den diplomatischen Dialog fördern: indem sie sich als neutraler Ort für Friedensgespräche anbietet und indem sie sich in der Konfliktvermittlung engagiert. Beide Rollen, die der Gastgeberin und die der Vermittlerin, sind nützlich und werden gebraucht. In den vergangenen Monaten haben wir dafür auch gute Beispiele gesehen.
Am Genfer Zentrum für Sicherheitspolitik (GCSP) versuchen wir, unseren Beitrag zu leisten, indem wir informelle Räume für den Dialog zwischen Konfliktparteien schaffen, dort wo Regierungen nicht mehr miteinander sprechen, und Vorschläge zur Deeskalation von Spannungen erarbeiten – beispielsweise bezüglich der Ukraine, des Südkaukasus, des Mittleren Ostens oder der Arktis.
Wir haben in den letzten Jahren zudem hochrangige Expertengespräche zwischen den USA und Russland über strategische Stabilität, einschliesslich der nuklearen Rüstungskontrolle, vermittelt. Leider sind diese Gespräche vor fast schon drei Jahren eingestellt worden. Nach meinen jüngsten Besuchen in Moskau und Washington kann ich ansatzweise positive Nachrichten überbringen. In beiden Hauptstädten ist mir aus Regierungskreisen Interesse an der Wiederaufnahme von informellen Expertengesprächen zur strategischen Stabilität signalisiert worden. Wir sind gegenwärtig daran, diese Gespräche vorzubereiten.
Die Schweiz kann Verantwortung übernehmen und eine Vision für ein friedlicheres Europa entwickeln – so, wie sie es in diesem Jahr als Vorsitzland der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) anstrebt.
Es muss jedoch auch mehr getan werden, um Maßnahmen der militärischen Risikominderung zu diskutieren und zu vereinbaren und die militärische Zurückhaltung zwischen der NATO und Russland zu fördern. Nur so lassen sich gefährliche militärische Aktivitäten, Zwischenfälle und Unfälle verhindern oder sie zumindest zu managen, wenn sie passieren. Und sie werden passieren: Immerhin sind wir mit einer 5000 km langen Kontaktlinie zwischen Russland und der NATO konfrontiert. Diese birgt ein erhebliches Eskalationsrisiko.
Zudem braucht es Schritte zur Stärkung der globalen Sicherheitspolitik – etwa mit Blick auf die friedliche Nutzung des Weltraums und die Regulierung existenzieller Risiken im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz und anderer neuer Technologien. Denken Sie an die Biotechnologie oder die Quantum Technologien.
Und wir müssen die Grossmächte – insbesondere die fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen – dazu bringen, ihren Dialog über die Verringerung nuklearer Risiken und die strategische Stabilität zu intensivieren. Als Atomwaffenstaaten tragen sie eine besondere Verantwortung. Und daran muss man sie regelmäßig erinnern. Der weitere Verlauf des Ukrainekonflikts dürfte die dafür nötigen politischen Spielräume maßgeblich beeinflussen.
Selbstverständlich kommen staatlichen Akteuren bei all diesen Aspekten eine führende Rolle und eine zentrale Verantwortung zu. Doch auch humanitäre Organisationen, die Zivilgesellschaft ganz allgemein, die Wissenschaft und die Privatwirtschaft können und müssen ihren Beitrag leisten. Gemeinsam können sie den politischen Willen schaffen, der notwendig ist, um Gräuel wie jene von Solferino oder Nagasaki zu verhindern – ebenso wie die Ungerechtigkeiten, die sich noch heute überall auf der Welt ereignen.
Meine Damen und Herren, verzeihen Sie mir zum Schluss eine politische- eine innenpolitische- Bemerkung zum Thema “was können wir alle tun?”: Stellen wir sicher, dass die Stärkung der Schweizer Armee – etwas, das ich in diesen unsicheren Zeiten sehr befürworte – nicht zulasten der Diplomatie, der Friedensförderung und der Entwicklungszusammenarbeit geschieht. Leider scheint dies im Moment der bundesrätliche Kurs zu sein.
Wenn wir heute diese Glocke läuten, möge ihr Klang daher vor den Gefahren und der Zerstörungskraft des Krieges warnen – insbesondere im Atomzeitalter – und zugleich als eindringlicher Ruf nach Frieden in unserer unruhigen Welt widerhallen.
Andernfalls werden künftig Denkmäler errichtet und Gedenkfeiern für jene abgehalten werden, die vor unseren Augen gestorben sind – weil wir weggesehen, nichts unternommen oder darauf gehofft haben, dass andere zu Hilfe kommen würden.
Danke für Ihre Aufmerksamkeit und vor allem für Ihr Engagement!

