Atomkraftwerke in Kriegsgebieten, modernisierte Atomwaffenarsenale, milliardenschwere Finanzflüsse und die Gefahr einer nuklearen Eskalation standen im Zentrum der Veranstaltung «Nukleare Risiken: Atomkraftwerke im Krieg und die Verhinderung eines Atomkriegs» vom 16. Juni 2026 im Berner Generationenhaus. Veranstaltet wurde der Anlass von PSR/IPPNW Schweiz, Basel Peace Office und PNND, dem internationalen Parlamentarier:innen-Netzwerk für nukleare Abrüstung und Nichtverbreitung.
Muri, 16. Juni 2026: Mit Beiträgen von Jürg Joss, Alyn Ware, Marianne Kürsteiner, Prof. em. Dr. med. Andreas Nidecker und Florian Eblenkamp zeigte die Veranstaltung aus technischer, international friedenspolitischer, schweizerisch-politischer, medizinischer und finanzpolitischer Perspektive, weshalb nukleare Risiken im OSZE-Jahr 2026 auf die politische Agenda der Schweiz gehören.
Während des Schweizer OSZE-Vorsitzes 2026 stehen Frieden und Sicherheit besonders im Fokus. Die Veranstaltung machte deutlich: Nukleare Risiken sind kein abstraktes Zukunftsthema. Sie sind bereits heute Teil der politischen Realität. Atomkraftwerke befinden sich in Kriegsgebieten oder in deren Nähe, Atomwaffen werden modernisiert, nukleare Drohungen nehmen zu, und enorme Finanzströme stabilisieren die Produktion und Modernisierung dieser Waffen
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Atomkraftwerke im Krieg: zivile Anlagen werden zu Hochrisikozonen
Jürg Joss, Automationstechniker, Präsident von Fokus Anti-Atom und Vorstandsmitglied von PSR/IPPNW Schweiz, zeigte anhand zahlreicher Beispiele, dass Atomkraftwerke in bewaffneten Konflikten nicht ausreichend geschützt sind. Der Krieg in der Ukraine hat dies drastisch vor Augen geführt: Saporischschja wurde 2022 angegriffen und besetzt; es kam zu Beschuss, Stromausfällen und Kämpfen in der Umgebung. Auch Tschernobyl und andere nukleare Einrichtungen waren von Besetzung, Stromausfällen, Ausfall von Überwachungssystemen oder Drohnenangriffen betroffen.
Joss machte klar, dass nicht nur der Reaktorkern selbst gefährdet ist. Kritisch sind auch Stromversorgung, Notstromsysteme, Maschinenhaus, Brennelementlager, Kühltürme, Kühlgewässer, Reaktorgebäude und radioaktive Abfalllager. Ein Angriff oder Ausfall solcher Systeme kann Schnellabschaltungen, Notkühlung, technische Instabilität und im schlimmsten Fall radioaktive Freisetzungen auslösen.
Die politische Lehre daraus lautet: Nukleare Anlagen dürfen nie Teil militärischer Strategien werden. Wer Atomkraftwerke, Lager für abgebrannte Brennelemente oder nukleare Infrastruktur gefährdet, gefährdet nicht nur den unmittelbaren Kriegsgegner, sondern die Zivilbevölkerung weit über Frontlinien hinaus.
Die Schweiz im OSZE-Jahr: politische Verantwortung statt diplomatisches Wegschauen
Marianne Kürsteiner, Geschäftsführerin von PSR/IPPNW Schweiz und Journalistin, stellte die politischen Handlungsmöglichkeiten der Schweiz in der gegenwärtigen nuklearen Hochrisikosituation ins Zentrum. Kürsteiner brachte die friedenspolitische und zivilgesellschaftliche Perspektive in die Veranstaltung ein und verband die technischen, medizinischen und finanzpolitischen Analysen mit der Frage, was die Schweiz konkret tun kann.
Sie erinnerte daran, dass die Schweiz 2026 den Vorsitz der OSZE übernimmt – in einer Zeit, in der nukleare Risiken nicht abnehmen, sondern wieder ins Zentrum der internationalen Sicherheitspolitik rücken. Atomkraftwerke in Kriegsgebieten, nukleare Drohungen, modernisierte Arsenale und der Abbau von Rüstungskontrollverträgen verlangen eine klare politische Antwort.
Aus Sicht von PSR/IPPNW Schweiz darf Neutralität nicht bedeuten, existenzielle Risiken neutral zu verwalten. Die humanitäre Tradition der Schweiz verpflichtet vielmehr dazu, den Schutz der Zivilbevölkerung, das Völkerrecht, Deeskalation und Abrüstung offensiv zu vertreten. Gerade im OSZE-Jahr sollte die Schweiz nukleare Risiken sichtbar auf die sicherheitspolitische Agenda setzen.
Kürsteiner betonte drei Handlungsebenen: Erstens soll die Schweiz nukleare Sicherheit in bewaffneten Konflikten ausdrücklich thematisieren. Zweitens soll sie Atomwaffen konsequent als humanitäres und medizinisches Problem benennen. Drittens soll sie ihre Verantwortung als Finanzplatz wahrnehmen und Investitionen in Atomwaffenproduktion und -modernisierung politisch aufgreifen.
Damit wurde deutlich: Die Veranstaltung war nicht nur eine fachliche Analyse nuklearer Risiken, sondern auch ein Appell an Parlament, Medien und Zivilgesellschaft, die nukleare Bedrohung im OSZE-Jahr 2026 nicht zu verdrängen, sondern politisch handlungsfähig zu machen.
Internationale Friedenspolitik: Gemeinsame Sicherheit statt nuklearer Abschreckung
Alyn Ware, Friedensaktivist, Träger des Right Livelihood Award, Direktor des Basel Peace Office und Global Coordinator von PNND, brachte die internationale friedenspolitische Perspektive ein. Sein Beitrag zeigte, dass die nuklearen Risiken in Europa seit dem russischen Angriff auf die Ukraine deutlich zugenommen haben. Dazu gehören nukleare Drohungen, die Stationierung russischer Atomwaffen in Belarus, die Erweiterung nuklearer Bündnisse sowie die Gefahr von Eskalation durch Fehlkalkulation, politische Zuspitzung oder technische Risiken.
Ware stellte nukleare Abrüstung nicht nur als moralische Forderung dar, sondern als rechtlich und politisch begründete Aufgabe. Er verwies auf das Gutachten des Internationalen Gerichtshofs von 1996, wonach die Drohung mit oder der Einsatz von Atomwaffen grundsätzlich völkerrechtswidrig ist, sowie auf die Pflicht, nukleare Abrüstung ernsthaft und vollständig zu verfolgen. Auch menschenrechtlich verletzen Atomwaffen das Recht auf Leben.
Als konkrete Ansätze zur Risikoreduktion nannte Ware No-First-Use-Politiken, also verbindliche Zusagen, niemals als Erste Atomwaffen einzusetzen, sowie die Idee einer europäischen atomwaffenfreien Zone. Eine solche Zone würde nichtnukleare Staaten verpflichten, keine Atomwaffen zu erwerben oder zu stationieren, während Atomwaffenstaaten Sicherheitsgarantien abgeben müssten. Ergänzend betonte Ware die Bedeutung friedlicher Streitbeilegung durch Diplomatie, Mediation und Rechtsprechung – etwa über den Internationalen Gerichtshof.
Zentral war sein Plädoyer für «Common Security»: Sicherheit soll nicht länger auf nuklearer Abschreckung beruhen, sondern auf Völkerrecht, Dialog, Konfliktlösung und gegenseitigen Sicherheitsgarantien. Neuseeland zeigt, dass ein Staat sich von nuklearer Abschreckung lösen und eine glaubwürdige atomwaffenfreie Politik entwickeln kann. Auch die Schweiz verfügt mit ihrer Neutralität, ihren Guten Diensten und ihrer humanitären Tradition über wichtige Voraussetzungen, um im OSZE-Jahr 2026 Räume für Dialog, Deeskalation und Abrüstung zu öffnen.
Damit ergänzte Ware die technische Analyse von Jürg Joss, die schweizerisch-politische Perspektive von Marianne Kürsteiner, die medizinisch-humanitäre Argumentation von Andreas Nidecker und die fi-nanzpolitische Analyse von Florian Eblenkamp. Zusammen ergab sich ein Gesamtbild: Nukleare Risiken müssen technisch verstanden, medizinisch beurteilt, politisch bearbeitet, finanziell offengelegt und inter-national durch Recht, Diplomatie und gemeinsame Sicherheit eingehegt werden.
Atomwaffen: keine Sicherheit, sondern organisierte Katastrophenmöglichkeit
Prof. em. Dr. med. Andreas Nidecker, Radiologe, Co-President Basel Peace Office und Vorstandsmitglied von IPPNW Schweiz, stellte die medizinischen, humanitären und klimapolitischen Folgen eines Atomwaffeneinsatzes dar. Die zentrale Botschaft aus ärztlicher Sicht lautet: Ein Atomkrieg kann nur verhindert, nie medizinisch bewältigt werden. Nach einem Atomwaffeneinsatz gäbe es keine ausreichende Rettungskette, keine kontrollierbare Versorgung der Opfer, keine funktionierende Infrastruktur und keine realistische Katastrophenmedizin.
Besonders gefährlich ist die Kombination aus technischen Frühwarnsystemen, kurzen Entscheidungsfristen, Fehlinterpretationen, Cyberrisiken und der Möglichkeit automatisierter Eskalationsketten. In einem Szenario eines nuklearen Erstschlags kann das Zeitfenster für Deeskalation extrem klein werden. Fehlkommunikation, Fehlalarm oder CyberInterferenzen könnten eine unkontrollierbare Kettenreaktion auslösen, in die rasch weitere Atommächte hineingezogen werden.
Nidecker erinnerte zudem daran, dass selbst ein sogenannt begrenzter Atomkrieg globale Folgen haben könnte. Der Einsatz von Dutzenden kleineren Atombomben könnte Rauch und Staub in die Atmosphäre schleudern, die Sonneneinstrahlung vermindern, Temperaturen senken, Regenmuster verändern und während Jahren die landwirtschaftliche Produktion beeinträchtigen. Hungersnöte, soziale Unruhen und langfristige ökologische Schäden wären mögliche Folgen.
Finanzströme: Atomwaffen werden politisch und wirtschaftlich am Leben gehalten
Florian Eblenkamp von ICAN Genf zeigte, dass Atomwaffen nicht nur ein militärisches, sondern auch ein finanzpolitisches Problem sind. Laut ICAN gaben neun Atomwaffenstaaten 2025 zusammen 119 Milliarden Dollar für Atomwaffen aus – 19 Prozent mehr als im Vorjahr. Allein die USA standen für 58 Prozent dieser weltweiten Ausgaben.
Eblenkamp beschrieb zudem den selbstverstärkenden Kreislauf aus Regierungen, Rüstungskonzernen, Thinktanks, Lobbyarbeit, Banken und politischen Budgets. Am Beispiel des US-amerikanischen Sentinel-Atomraketenprogramms zeigte er, wie staatliche Aufträge, Unternehmensinteressen, Lobbying und Finanzmärkte ineinandergreifen. Hinter der Atomwaffenproduktion stehen auch Banken und andere Fi-nanzinstitute: ICAN nennt 709 Milliarden Dollar in Aktien und Anleihen sowie weitere 300 Milliarden Dollar an Krediten von 301 Finanzinstituten.
Für die Schweiz ist dies besonders relevant. Sie ist keine Atommacht, aber als Finanzplatz indirekt beteiligt, wenn öffentliche Gelder, Pensionskassen, Banken, Versicherungen oder institutionelle Investoren in Unternehmen investieren, die an Atomwaffenproduktion, Wartung oder Modernisierung beteiligt sind. Eine glaubwürdige Abrüstungspolitik verlangt deshalb Transparenz und politische Verantwortung bei Finanzflüssen.
Der Atomwaffenverbotsvertrag als politische Konsequenz
Der Atomwaffenverbotsvertrag TPNW ist seit 2021 in Kraft und verbietet Entwicklung, Besitz, Stationierung, Einsatz sowie die Drohung mit Atomwaffen. ICAN betont, dass der Vertrag die bestehende Völkerrechtslücke schliesst: Chemie- und Biowaffen sind seit Langem verboten; Atomwaffen waren es völkerrechtlich lange nicht in vergleichbarer Weise.
Die Schweiz hat den Vertrag 2017 mitverhandelt und bei seiner Annahme mit Ja gestimmt. National- und Ständerat forderten 2018 den Beitritt; 2023 bekräftigte die Aussenpolitische Kommission des Nationalrats diese Haltung parteiübergreifend. Die eingereichte Atomwaffenverbotsinitiative zeigt, dass die Frage in der Schweiz politisch nicht erledigt ist.
Ein Beitritt zum Atomwaffenverbotsvertrag wäre kein Bruch mit der Schweizer Tradition, sondern deren konsequente Fortsetzung: Neutralität, humanitäres Völkerrecht, Multilateralismus und Schutz der Zivilbevölkerung.
Die Rolle der Schweiz im OSZE-Jahr 2026
Die Schweiz übernimmt 2026 den Vorsitz der OSZE in einer Zeit erhöhter nuklearer Risiken. Gerade deshalb darf sie diese Risiken nicht als Spezialthema von Expert:innen behandeln, sondern muss sie als Kernfrage gemeinsamer Sicherheit sichtbar machen. Als OSZE-Vorsitzstaat kann die Schweiz Dialogräume öffnen, politische Sprache prägen und Themen auf die internationale Agenda setzen.
Daraus ergeben sich drei konkrete Erwartungen:
Erstens soll die Schweiz nukleare Sicherheit in bewaffneten Konflikten während ihres OSZE-Vorsitzes ausdrücklich thematisieren. Dazu gehören der Schutz von Atomkraftwerken und nuklearer Infrastruktur, Frühwarnung, Risikoanalyse, vertrauensbildende Massnahmen und politische Unterstützung der IAEA.
Zweitens soll die Schweiz Atomwaffen konsequent als humanitäres und medizinisches Problem benennen. Atomwaffen sind keine normalen Waffen und keine glaubwürdige Sicherheitsgarantie. Sie sind Instrumente massenhafter Vernichtung. Abrüstung ist deshalb keine idealistische Zusatzforderung, sondern Prävention.
Drittens soll die Schweiz ihre Verantwortung als Finanzplatz ernst nehmen. Investitionen in Atomwaffenproduktion und -modernisierung müssen transparent gemacht und politisch thematisiert werden. Eine Schweiz, die Abrüstung fordert, darf nicht gleichzeitig an atomarer Aufrüstung mitverdienen.
Schlussfolgerung
Die Veranstaltung zeigte aus technischer, international friedenspolitischer, schweizerischpolitischer, medizinischer und finanzpolitischer Perspektive: Nukleare Risiken sind real, akut und politisch beeinflussbar. Atomkraftwerke in Kriegsgebieten sind Hochrisikozonen. Atomwaffen bieten keinen verlässlichen Schutz, sondern schaffen die dauernde Möglichkeit einer humanitären Katastrophe. Finanzströme halten diese Bedrohung mit am Leben.
Im OSZE-Jahr 2026 hat die Schweiz die Chance und die Verantwortung, nukleare Risiken sichtbar auf die sicherheitspolitische Agenda zu setzen. Nicht irgendwann, sondern jetzt.
Veranstalter: PSR/IPPNW Schweiz, Basel Peace Office und PNND
Kontakt: PSR/IPPNW Schweiz, Bachmatten 3, 5630 Muri AG, www.ippnw.ch, sekretariat@ippnw.ch
Quellen: Referate und Unterlagen von Jürg Joss, Alyn Ware, Prof. em. Dr. med. Andreas Nidecker, Florian Eblenkamp/ICAN, Marianne Kürsteiner sowie Veranstaltungsflyer «Nukleare Risiken: Atomkraftwerke im Krieg und die Verhinderung eines Atomkriegs», 16. Juni 2026, Bern.
Die Original Präsentationen können alle auf der Event-Seite des Basel Peace Office abgerufen werden

