Yuri Shcherbak mit dem Publizisten Yuri CHERNYCHENKO 1987

Vierzig Jahre nach Tchernobyl – Nachwort zur zweiten Auflage von Yuri Shcherbaks Buch „Tschernobyl“ – Autor Yuri Shcherbak

Nachwort zur zweiten Ausgabe von Yuri Shcherbaks Dokumentarroman
«Tschernobyl. Eine Warnung an die Menschheit», 1987–1991, 2025–2026, ergänzt und aktualisiert

Liebe Leserin, lieber Leser, Sie haben soeben die letzte Seite von «Tschernobyl»: Eine Warnung an die Menschheit umgeblättert, dessen Text erstmals 1987, 1988 und 1991 in der Sowjetunion (Moskau und Kiew) veröffentlicht wurde. Dies ist ein Zeitdokument mit allen Vor- und Nachteilen, die das mit sich bringt. Ich war sehr dankbar, als Ivan Malkovych, ein bedeutender ukrainischer Dichter und Verleger, mir vorschlug, den Roman anlässlich des 40. Jahrestages der Tragödie neu aufzulegen. Ich schlug sofort vor, dem Originaltext ein Nachwort hinzuzufügen, das einige Lehren aus der Tschernobyl-Katastrophe hervorhebt und die Geschichte sowie die Entstehungsumstände des Romans beschreibt. Ich bin überzeugt, dass die Publikation ohne diese Erläuterungen und Ergänzungen aus heutiger Sicht unvollständig wäre und jene Tiefe der Wahrheit vermissen ließe, die zum Verständnis der Ursachen und Folgen der Ereignisse im Kernkraftwerk Tschernobyl notwendig ist.


1.

Vor vierzig Jahren, am 26. April 1986, ereignete sich die größte vom Menschen verursachte Nuklearkatastrophe in der Geschichte der Menschheit: die Explosion des vierten Reaktors im Kernkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine. Eine neue, surreale Einheit namens Zone erschien auf der Weltkarte. Sie existiert noch heute, trotz aller geopolitischen Veränderungen, die die Menschheit in dieser Zeit durchgemacht hat. Was bleibt, sind ein totes Kraftwerk, eine leere Stadt, die einem modernen Pompeji ähnelt, und ein Gebiet erhöhter Radioaktivität mit eigenen Grenzen, strengen Regeln, Einschränkungen und einem Sonderregime – dessen Name jedem Menschen auf der Erde bekannt ist: Tschernobyl.
Das Datum dieser beispiellosen globalen Katastrophe und die dramatischen Umstände ihrer Bewältigung sind für immer in die Annalen der Menschheit eingeschrieben. Die Katastrophe wurde nicht nur wegen ihrer beispiellosen nuklearen, technologischen, medizinischen, sozioökonomischen und ökologischen Folgen zu einem Ereignis von globaler Bedeutung. Tschernobyl hat sich vor allem als mögliches Vorspiel einer vom Menschen verursachten Apokalypse – der Vernichtung allen Lebens auf der Erde durch eine technogene Katastrophe – ins Gedächtnis der Generationen eingegraben. Der Abgrund einer unheimlichen Gegenwelt tat sich vor der Menschheit auf. Alte Mythen und Ängste erwachten zum Leben, und die Geister von Hiroshima und Nagasaki erschienen über jedem Haus in der Zone, in der das sogenannte „friedliche Atom“ seine Arbeit verrichtete.
Dieser Unfall war nicht nur wegen seines globalen Ausmaßes beispiellos, sondern auch weil er eine neue Art von Katastrophe darstellte. Die Explosion einer gigantischen radioaktiven Bombe im RBMK-Reaktor ereignete sich nicht als Folge von Kampfhandlungen oder eines Terroranschlags, sondern spontan und unerwartet infolge tödlicher Konstruktionsfehler und grober Bedienungsfehler. Zum ersten Mal in seiner zivilisatorischen Entwicklung stand die Menschheit vor der Gefahr der Selbstvernichtung nicht durch Krieg, sondern durch eine Konfrontation mit dem sogenannten „friedlichen Atom“.
Innerhalb weniger Tage nach dem Unfall befand sich die Ukraine – damals eine unterdrückte Provinz des kommunistischen Imperiums – im Epizentrum eines globalen Informationssturms. Die internationale Gemeinschaft und die freien Medien versuchten, den Eisernen Vorhang des Schweigens zu durchdringen. Es war ein Paradox, dass dank der Tragödie die Ukraine plötzlich auf der Weltbühne erschien. Die naiven Hoffnungen des Kremls, die Wahrheit zu verbergen, erwiesen sich als vergeblich. Der US-Satellit Landsat registrierte zwei Hitzepunkte im Kraftwerk, und Fotos des Kühlbeckens zeigten, dass die Reaktoren abgeschaltet worden waren.
Die Tschernobyl-Katastrophe begann mit einer großen Lüge des kommunistischen Systems. Entgegen seiner proklamierten Glasnost-Politik versuchte die Kremelführung, ihr totalitäres System der Propaganda aufrechtzuerhalten, weigerte sich zur Zusammenarbeit mit dem Westen und riskierte absichtlich das Leben von Millionen eigener Bürger, besonders der Kinder in verseuchten Gebieten.
Die historische Bedeutung der Katastrophe liegt darin, dass sie Vorbote und Katalysator für den Zerfall der UdSSR und die Entstehung eines unabhängigen ukrainischen Staates sechs Jahre nach der Reaktorexplosion wurde. Das Wort „Tschernobyl“ wurde zum allgemeinen Synonym für das Scheitern aller Arten von ehrgeizigen Großprojekten.


2.


Vierzig Jahre sind seit jenen schrecklichen Tagen vergangen, die ich bis ans Ende meines Lebens in Erinnerung behalten werde – Tage voller Bitterkeit und harter Arbeit von Wissenschaftlern, Bauarbeitern, Militärpersonal, Ärzten und Hunderttausenden von Menschen, die alle durch das Wort „Liquidator“ vereint wurden.
Die vierzig Jahre, die das Ende des turbulenten 20. Jahrhunderts und das erste Viertel des 21. Jahrhunderts umspannen – das eine sehr reale Bedrohung des Dritten Weltkriegs heraufbeschworen hat – ist ein sehr bedeutender historischer Zeitraum. Der Tschernobyl-Unfall ereignete sich gegen Ende des Kalten Krieges (1947–1991), als das Imperium des Bösen wegen seiner Ineffizienz und kriminellen Natur zu zerfallen begann.
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstanden neue unabhängige Staaten. Einige wurden Mitglieder der NATO und der EU, während Russland sich in eine neofaschistische Diktatur verwandelt hat, die einen blutigen Krieg gegen die Ukraine entfesselt hat. Das kommunistische China ist zur globalen Macht aufgestiegen. Amerika riskiert unter der umstrittenen Führung von Präsident Trump, sich vollständig aus der globalen Arena zurückzuziehen. Die Welt teilt sich allmählich in einen demokratischen Norden und einen autoritären Süden auf.
Die vergangenen vierzig Jahre haben das Entstehen eines neuen Informationszeitalters erlebt, das auf Technologien basiert, die die Mentalität der Menschheit grundlegend verändern. Es ist eine Ära der künstlichen Intelligenz, die die zivilisatorische Paradigma verändern und zu einem neuen Zeitalter mittelalterlicher Finsternis führen kann.
Vor diesem Hintergrund ist es nur natürlich, dass die Erinnerung an Tschernobyl verblaßt. Laut unabhängigen Experten sind 500.000 Menschen, die an der Beseitigung des Unfalls beteiligt waren, gestorben. Für neue Generationen wird die nukleare Katastrophe von 1986 zu einer verblaßten Seite in Geschichtsbüchern. Aber Tschernobyl darf niemals vergessen werden.
Im Jahr 2025 waren in 32 Ländern 416 Kernreaktoren in Betrieb, mit weiteren 60 im Bau. Der Sarkophag, der den zerstörten vierten Reaktor beherbergt, enthält etwa 185 Tonnen nuklearer Materialien, für die es keine zuverlässigen Kontrollmittel gibt. Etwa 95 Prozent des Brennstoffs verbleiben an Ort und Stelle, mit einer Gesamtaktivität von etwa 16 Millionen Curie und einer Gammastrahlenbelastung von durchschnittlich 3.300 Röntgen pro Stunde. Im Herzen der Ukraine tickt weiterhin eine langsam wirkende Atombombe.

3.

Tschernobyl hat – leider nur vorübergehend – die Arroganz des technologischen Imperialismus gestoppt und den ungerechtfertigten Optimismus sowjetischer und amerikanischer Physiker gebremst, die den Bau von 2.500 bis 3.000 neuen Reaktoren bis zum 21. Jahrhundert anstrebten.
Die RBMK-Reaktoren des KKW Tschernobyl entstammen dem Militärsektor und sind direkte Nachkommen der Waffenreaktoren der amerikanischen und sowjetischen Nuklearprogramme. Die erste nukleare Anlage dieser Art war der US-Militärreaktor Hanford B (26. September 1944, Manhattan-Projekt), ausgelegt für die industrielle Produktion von Plutonium-239 – dem Material der Fat-Man-Bombe auf Nagasaki. Der erste sowjetische Waffenreaktor „Annuschka“ kam am 19. Juni 1948 im Werk Majak in Betrieb.
Interessanterweise begann das amerikanische Nuklearprogramm 1942, das sowjetische 1943 – kein Zufall, sondern das Ergebnis beispielloser sowjetischer Spionage. Tausende geheimer Dokumente wurden per Diplomatenpost in die UdSSR geschickt, Materialien und Ausrüstung über Alaska im Rahmen des Lend-Lease-Programms eingeflogen. Kurtschatow schrieb am 31. Dezember 1946, die Merkmale des Hanford-Reaktors seien „von großem Interesse für unsere heimische Arbeit.“ Dieser waffenfähige RBMK-Reaktor wurde mit all seinen Konstruktionsmängeln in den zivilen Sektor übertragen – was schließlich zur Explosion des vierten Reaktorblocks in Tschernobyl führte.


4.


Tschernobyl signalisierte eine wachsende Gefahr durch sogenannte kritische Infrastrukturen – technologische Supersysteme (TSS), darunter Nuklearanlagen, Computernetzwerke, Energie- und Transportsysteme sowie chemische Raffinerien. Tschernobyl und Fukushima sind Alarmsignale an die gesamte Menschheit, Warnungen vor möglichen künftigen globalen Katastrophen.
Was am 11. März 2011 in Fukushima geschah, zeigte eindeutig, dass ein Kernkraftwerk jeder Bauart eine äußerst gefährliche Anlage ist – eine nukleare Zeitbombe. Beide Katastrophen wurden durch mangelnde Weitsicht der Konstrukteure und des Betriebspersonals verursacht. Die Tsunami-Schutzmauer in Fukushima war 5,7 Meter hoch – die Welle erreichte 14 Meter. Die Kühlsysteme wurden mit Meerwasser überflutet und zerstört.


5.


Die Tschernobyl-Katastrophe betraf das Schicksal von Millionen Menschen in zahlreichen Ländern der nördlichen Hemisphäre – Ukraine, Weißrussland, Russland, Schweden, Polen, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Georgien und Türkei. Infolge zweier Explosionen und eines zehn Tage andauernden Brandes wurden 90 bis 300 Millionen Curie Radioaktivität freigesetzt – nach UN-Schätzungen 100- bis 300-mal mehr als durch die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Radioaktiver Niederschlag bedeckte ein Gebiet mit drei Milliarden Einwohnern; in 13 europäischen Ländern wurde mehr als 50 Prozent des Territoriums verseucht.
Im Frühjahr und Sommer 1986 wurden 116.000 Menschen evakuiert, insgesamt über 230.000 umgesiedelt. Über zwei Millionen Menschen wurden als Opfer registriert. Neben 30 Soforttodesdällen entstanden neue medizinische Phänomene wie das „Tschernobyl-AIDS“ (Immunsuppression), erhöhte Schilddrüsenkrebs-raten (über 7.000 Fälle), Nierenpathologien und Fatigue-Syndrom. In der Katastrophenzone arbeiteten 400 Sonderärzteteams mit rund 2.500 Ärzten und 4.000 Krankenschwestern


6.


Der Tschernobyl-Unfall warf grundlegende Fragen über das Verhältnis zwischen Staat und Zivilgesellschaft auf. Die beispiellosen Versuche des sowjetischen Regimes, Informationen zu blockieren und Halbwahrheiten zu verbreiten, führten zum völligen Vertrauensverlust des ukrainischen Volkes in das kommunistische System. Ich erlebte dies aus erster Hand: den krassen Gegensatz zwischen dem Optimismus der Führung und der Realität einfacher Bürger.
Ein besonders abscheuliches Verbrechen der Kommunistischen Partei waren die Maifeiern 1986 in Kiew mit Kindern – obwohl bereits gefährlich hohe Strahlungswerte gemessen worden waren. Dies wurde vom ersten Tschernobyl-Tribunal 1990 der Umweltvereinigung Grüne Welt, deren Vorsitzender ich war, als kriminell qualifiziert.
Ukrainische Umweltaktivisten hegten erhebliche Vorbehalte gegenüber der IAEO, die sich nicht als unparteiisches UN-Organ verhielt, sondern als Lobbying-Organisation für die Nuklearindustrie. Der IAEO wurde vorgeworfen, mit der WHO eine geheime Vereinbarung zur Verbreitung ungerechtfertigt optimistischer Informationen getroffen zu haben, um die wahren Gesundheitsfolgen zu verschleiern.

7.

Mein Dokumentarroman Tschernobyl wurde erstmals 1987 in der Moskauer Zeitschrift Junost veröffentlicht und danach in fast dreißig Ländern als Buch verlegt – darunter USA, Kanada, Japan, China, Deutschland, Schweiz, Polen, Ungarn und Slowakei. Craig Mazin, Schöpfer der britisch-amerikanischen TV-Serie Chornobyl, listete die englische Ausgabe unter den fünf Büchern, die die Serie inspirierten: „Dieser Dokumentarroman enthält auffallende Fakten aus ukrainischer und sowjetischer Perspektive, darunter einige überraschende Gedanken von Akademiker Legasow“ (Indie Wire, 4. Juni 2019).
Der 26. April 1986 war ein warmer Frühlingstag. Wir – mehrere Kiewer Ärzte – feierten den Geburtstag eines Freundes. Ein Gast erwähnte beiläufig, eine Gruppe von Menschen aus dem KKW Tschernobyl sei ins Krankenhaus gebracht worden. Ich kannte das Kraftwerk kaum. Am nächsten Tag erfuhr ich von einem befreundeten Arzt: Die Lage sei äußerst ernst, es gebe viele Opfer, Familien würden aus Kiew evakuiert. So begann in Kiew die Kettenreaktion der Gerüchte und Halbwahrheiten, die sich wie eine Epidemie ausbreitete.
Scharf bewusst über den Mangel an Informationen und besorgt um meine Kinder und meine neugeborene Enkelin, entschloss ich mich, die Wahrheit aus erster Hand zu erfahren. Mit meinem Freund Hryhorii Kipnis, Vertreter der Literaturnaja Gaseta in Kiew, erhielt ich einen Presseausweis. Anfang Mai besprach ich die Idee mit Gesundheitsminister Anatolij Romanenko, der ein Ärzteteam aufstellte: Dr. Valerij Olijnyk (Endokrinologe), Dr. Oleksandr Jerusalymsky (Onkologe) und ich (Arzt und Epidemiologe).
Wir fuhren in einem alten Krankenwagen – aufgeregt, Witze machend – bis wir die ersten Kontrollpunkte und die endlosen Militärkolonnen sahen. Lastwagen mit verstrahlten Kühen, Busse mit Evakuierten, Militärhubschrauber. Das Lachen verstummte. Ich erinnerte mich an 1941. Mein tragbares Sony-Tonbandgerät wurde mein treuer Assistent.
Ich besuchte die Zone in den nächsten drei Jahren viele Male und umging dabei offizielle Einschränkungen. Eines Tages traf ich nahe dem Roten Wald meinen Schriftstellerkollegen Wolodymyr Jaworivskyj. Über einer Flasche Wodka einigten wir uns: Er würde einen Roman über die betroffenen Menschen schreiben (Maria mit dem Wermut am Ende des Jahrhunderts), ich einen Dokumentarbericht über jene, die am Reaktor arbeiteten und das Feuer löschten.
Ein anderer Gesprächspartner war der US-amerikanische Science-Fiction-Autor Frederick Pohl (1919–2013), vermittelt durch einen KGB-Übersetzer mit einer Tasche gekühlten Wodkas. Seine Fragen – welche Hubschrauber eingesetzt wurden, wie die Polizei gekleidet war – zeigten mir, dass er vom sowjetischen Leben keine Ahnung hatte. Sein Roman wurde ein typischer Hollywood-Cocktail mit israelischen Agenten, arabischen Terroristen und Liebesdreieck.
In den Jahren 1986–1991 war ich vollständig in die Probleme von Tschernobyl vertieft. Ich sprach vom Rednerpult des ukrainischen Parlaments, im Kreml und im Weißen Haus; nahm an UN-Diskussionen in New York und Genf teil; hielt Vorträge in Oslo und Jerusalem, Krakau und Tokio. Die höchste Belohnung war eine Begegnung mit japanischen Fukushima-Evakuierten, die auf ihren Tischen die japanische Übersetzung meines Buches hatten – mit den wichtigsten Passagen unterstrichen, als Lehrfibel für ihre Zukunft.
Bei der Lektüre des Originaltextes erkannte ich: Das Buch ist ein zensiertes Sowjet-Dokument (doppelte Bearbeitung, dreifache Zensur durch politische, wissenschaftliche und militärische Behörden). Aber es war der erste menschliche und wahrheitsgemäße Bericht über die Katastrophe. 1989–1991 im Obersten Sowjet gewählt, organisierte ich als Vorsitzender des Unterausschusses für Nuklearökologie die ersten parlamentarischen Anhörungen in der Geschichte des Obersten Sowjets zum Tschernobyl-Unfall.


8.


Das Buch behandelt auch die Unmöglichkeit, Militäreinsätze in der Nähe von Kernkraftwerken durchzuführen. Ich forderte die UNO auf internationalen Konferenzen auf, besondere Maßnahmen zu ergreifen, um Kampfhandlungen in solchen Gebieten zu verhindern. Wir konnten damals nicht ahnen, dass russische Drohnen und Raketen später auf ukrainischen Nuklearanlagen explodieren würden.
Der russische Vollskala-Krieg gegen die Ukraine ab 2022 unterstrich die Gefahr einer Wiederholung von Tschernobyl in militärischer Form. Die Russische Föderation brach die im Budapester Memorandum von 1994 eingegangenen Verpflichtungen und führte einen brutalen, unprovozierten Angriffskrieg gegen die nicht-nukleare Ukraine. In den ersten Kriegsstunden besetzten russische Truppen die Tschernobyl-Ausschlusszone samt Sarkophag und zwei Brennstofflager. Sie gruben sich im Gebiet des früheren Roten Waldes ein und setzten sich hoher Strahlung aus.
Am 14. Februar 2025 traf eine russische Shahed-Drohne das Dach des Sarkophags und beschädigte die äußere Schutzstruktur dieser fast 2 Milliarden Euro teuren Anlage. Im März 2022 besetzten die Invasoren das Kernkraftwerk Saporizhzhia – das größte in Europa, das 25 Prozent des ukrainischen Stroms produzierte – beschossen es, minierten es und verwandelten es in einen Militärstützpunkt, wodurch sie alle sieben IAEO-Grundprinzipien der nuklearen Sicherheit verletzten.
Putin hat wiederholt mit Nuklearwaffen gedroht – ein Akt nuklearen Terrorismus. Der kurze, aber intensive Krieg im Juni 2025 zwischen Israel und dem Iran, dem die USA mit Schlägen auf iranische Nuklearanlagen beitraten (21. Juni 2025: Fordow, Natanz, Isfahan), demonstrierte die Gefahr, dass ein konventioneller Krieg automatisch in einen nuklearen eskaliert. Es ist klar: Von nun an gibt es kein Tabu mehr für Schläge gegen Nuklearanlagen. Der Schatten von Tschernobyl liegt über jeder solchen Entscheidung.


9.


Der Dokumentarroman Tschernobyl ist vielleicht das Hauptwerk meines Lebens geworden – ein Opus Magnum. Er veränderte mein Leben: Ich warf mich in den öffentlichen Aktivismus, leitete die Umweltkommission des Schriftstellerverbandes und später die Umweltvereinigung Grüne Welt. Ich musste meine wissenschaftliche und medizinische Arbeit aufgeben und half, die ersten unabhängigen Oppositionsorganisationen in der Ukraine seit siebzig Jahren kommunistischer Diktatur zu schaffen – allen voran die Grüne Partei der Ukraine.
In den Jahren 1986–1990 vereinten wir Hunderttausende ukrainischer Bürger in einer einzigen Umweltbewegung. Wir stoppten den Bau neuer Kernkraftwerke (Krim und Tschyhyryn), deklassifizierten Daten über die Verseuchung von Lebensmitteln und Trinkwasser und organisierten ein Tschernobyl-Nürnberg, das die kommunistischen Vertuschungsversuche als Verbrechen qualifizierte. Die aus der Tschernobyl-Tragödie entstandenen Organisationen beschleunigten die Bewegung zur ukrainischen Unabhängigkeit 1991 erheblich.
Der Unfall hinterlieiß nicht nur die tote Stadt Prypjat und ein verödetes Schutzgebiet, sondern auch eine tiefe Narbe in der ukrainischen Psyche und Kultur. Der vierzigste Jahrestag ist Anlass zur Erinnerung, Trauer und Reflexion – und ein Aufruf an neue Generationen, über die Bedrohungen des 21. Jahrhunderts nachzudenken.
Es ist auch eine Zeit des ewigen Dankes an die Helden meines Buches – an jene, die die Ukraine, Europa und die Welt vor dem radioaktiven Inferno von Tschernobyl gerettet haben. Ehre ihnen und dem Gedächtnis jener, die dabei ihr Leben ließen!

Yuri Shcherbak
Juli 2025

(Publiziert am 25.6.2026 von Martin Walter)