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Der widerspenstige Arzt

veröffentlicht um 14.08.2011, 11:06 von Martin Walter   [ aktualisiert: 14.08.2011, 11:28 ]
Claudio Knüsli ist Onkologe und Schweizer Präsident der Ärzte gegen den Atomkrieg. Von Anfang an hat er die Canupis-Studie kritisiert, die keine statistisch aussagekräftigen Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Kinderleukämie und AKW fand.

Von Felix Straumann, Tagesanzeiger, 23.7.2011


Kann ein Schwyzerörgeli tatsächlich erklären, was diesen Mann antreibt? Claudio Knüsli sitzt im Musiktherapieraum des Basler St.-Clara-Spitals und gibt dem anwesenden Journalisten den Ländler «S Arther Grüessli» zum Besten. Für ein paar Minuten wirds lüpfig im Zimmer.

Der Arzt und profilierte Atomkritiker spricht über sein mehr als hundertjähriges Instrument genauso engagiert wie über seinen Beruf als Krebsmediziner und seinen Einsatz gegen die Atomkraft und als Präsident der Schweizer Sektion der Ärzte gegen den Atomkrieg (IPPNW, International Physicians for the Prevention of Nuclear War). Er ist begeistert vom warmen Ton, dem Holz, aus dem es gebaut ist, dem Innenleben, das die Musik erzeugt. Für ihn ist das Schwyzerörgeli – das er auch Handharmonika nennt – ein Sinnbild für seine Suche nach Harmonie. «Ich bin ein Mensch, der unruhig wird, wenn etwas nicht aufgeht», sagt er. Ein Harmoniebedürftiger also? Das dürften nicht alle so sehen. Insbesondere etablierte Wissenschaftler wie zum Beispiel Matthias Egger. 

Vergangene Woche, als er an der Universität Bern die Resultate der Canupis- Studie zum Kinderkrebsrisiko von Schweizer AKW den Medien präsentierte, konnte man in Eggers Mimik für einen Bruchteil einer Sekunde ein unwillkürliches «Nicht schon wieder» ablesen, als Claudio Knüsli zu einer kritischen Frage ansetzte. Andere beklagen hinter vorgehaltener Hand die «penetrante Hartnäckigkeit» Knüslis und die stellenweise «mühsame» Auseinandersetzung mit ihm. Unerwartet harte Worte über den im Umgang sympathischen und einnehmenden Onkologen. Es wird jedoch klar: Das Schwyzerörgeli steht nicht für Knüslis Harmoniesuche, sondern für die Hartnäckigkeit, mit der sich der 60-jährige Vater von vier Kindern in ein Thema festbeissen kann. 

«Es gibt keine sichere Dosis» 

Dass die Canupis-Studie keine statistisch aussagekräftigen Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Kinderleukämie und Atomkraftwerken gefunden hat, ist für Claudio Knüsli nicht darauf zurückzuführen, dass tatsächlich kein Zusammenhang besteht. Für ihn sind einzig Mängel in der Studie der Grund für das Resultat. Schon während die Studie lief, stritt er mit den Autoren mehrfach über die Fallzahl, die seiner Ansicht nach zu niedrig ist für einen statistisch aussagekräftigen Befund. Knüslis Befürchtung: Die Studie findet aus methodischen Gründen nichts und gibt – aus seiner Sicht fälschlicherweise – Entwarnung. Er unterstellt den Studienautoren dabei nicht, dass sie eine politische Agenda hätten oder von der Atomlobby gesteuert wären. 

«Doch man muss wachsam bleiben. Oft herrscht auch bei Forschern Wunschdenken», sagt er. 

Knüslis Büro und Behandlungszimmer im ersten Stock des Basler Privatspitals ist einfach und funktional eingerichtet. Beim Betreten bemerkt man als Erstes ein Brett aus hellem Arvenholz in der Mitte des Raums, das vom Boden bis zur Decke reicht. Der Onkologe mag nicht ohne Holz sein. Das Material bedeutet für ihn Kraft und Naturverbundenheit. Bereitwillig erzählt er von seiner Arbeit und über seine Motivation. Schnell wird deutlich: Knüsli hält es für erwiesen, dass AKW im Normalbetrieb krebserregend sind: «Weltweit deuten sehr viele Beobachtungen darauf hin.» Mit dieser Ansicht widerspricht er der Mehrheit der Krebsfachleute und Epidemiologen. Doch das stört ihn auch nicht. Er sieht sich als Vorreiter und verweist darauf, dass noch in den 1950er- Jahren Ärzte bei unklaren Zwillingsschwangerschaften Frauen geröntgt haben – bis eine Studie ein dadurch um 40 Prozent erhöhtes Krebsrisiko bei Kindern feststellte. «Weil man das herausgefunden hat, sind die Strahlenschutzbestimmungen in der Medizin heute so streng», sagt er. Doch auch heute gehen Fachleute davon aus, dass beispielsweise die Strahlenbelastung von Computertomografen die Krebshäufigkeit um mehr als ein Prozent erhöht. Dass dabei über eine mehr als hundertfach höhere Strahlungsmenge gesprochen wird, als dies ein AKW während eines Jahres im Normalbetrieb abstrahlt, hindert Knüsli nicht daran, Analogien zu ziehen: «Es gibt keine untere sichere Strahlendosis. Wenn Sie sehr viele Leute mit einer sehr kleinen Dosis bestrahlen, führt dies ebenfalls zu einer Krebshäufung.» 

Verfechter der Schulmedizin 

Bei aller Kritik an Knüsli hat er den Respekt vieler, die nicht seiner Meinung sind. «Ich schätze die Organisation IPPNW sehr und habe Claudio Knüsli sehr ernst genommen», sagt Rolf Marti, Leiter des wissenschaftlichen Sekretariats bei der Krebsliga, die die Hälfte der Canupis-Studie finanziert hat. «Er erhielt beim Projekt deshalb eine Extrabehandlung.» Zudem ist Knüsli bei weitem kein abgehobener Esoteriker. «Ich bin ein klarer Verfechter der Schulmedizin und wissenschaftlicher Studien», sagt der Leitende Arzt am St.-Clara-Spital, wo er seit bald 20 Jahren Krebspatienten betreut und behandelt. Während seiner Assistenzzeit hat er ein Jahr lang in London am Royal Free Hospital im Labor geforscht, später war er an verschiedenen klinischen Forschungsprojekten beteiligt. Gegenüber Studien von Krebsmedikamenten, die oft von Pharmafirmen durchgeführt werden, ist der Onkologe allerdings weniger kritisch als gegenüber Untersuchungen wie Canupis. «Medikamentenstudien werden heute nach sehr stringenten Kriterien abgewickelt», sagt er. Man müsse sie gut lesen. Doch gebe es die Fachgesellschaften, die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für klinische Krebsforschung (SAKK) sowie die Krebsliga, die sehr gut vernetzt seien und das alles auch genau prüfen würden. 

9/11 als Schlüsselerlebnis 

Seine Tätigkeit als Onkologe versucht Knüsli strikt zu trennen von seinem Engagement bei der Schweizer Sektion der IPPNW, die er seit 2005 präsidiert. Innerhalb der internationalen Organisation IPPNW — die 1985 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde — war die Schweizer Sektion immer etwas eigenwillig. Sie war von Beginn weg als fast einzige nicht nur gegen den Atombombenbau, sondern auch gegen die zivile Nutzung der Atomenergie. Das sei ein «siamesischer Zwilling» heisst es auf der Website, weil die zivile Nutzung wesentlich zur Verbreitung des Bombenbaus beitrage. Erst 1999 übernahm auch die Mutterorganisation diese Haltung. Claudio Knüsli auf atomkritischen Kurs gebracht haben laut eigener Aussage die Anschläge vom 11. September 2001. «Weil ich damals praktisch am gleichen Tag im Flugzeug sass, ging mir das besonders unter die Haut», erinnert er sich. Durch einen IPPNW-Kongress über die Sicherheit von AKW bei Flugzeugabstürzen sei er zum ersten Mal richtig zur Organisation gestossen und habe sich gleich intensiv mit den Spätfolgen von Tschernobyl beschäftigt. Dadurch sei er auch auf das Thema der Schäden durch niedrig dosierte AKW-Strahlung gekommen, was ihn bis heute beschäftigt – weit mehr als andere Aspekte wie Sicherheit, Endlager oder Uranabbau, die Atomkritiker sonst umtreiben.

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