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Atomausstieg mit Wenn und Aber - die NZZ und andere Meinungen.

veröffentlicht um 08.09.2011, 06:05 von Martin Walter   [ aktualisiert: 09.09.2011, 11:56 ]

Was von Kernkraftwerken der vierten Generation zu erwarten ist - und was nicht

In der Schweiz wird momentan über einen Atomausstieg unter Vorbehalten diskutiert. Die Befürworter der Kernenergie hoffen auf eine Technologie, die auf dem  Papier viel verspricht.

Christian Speicher - NZZ 07.09.2011 Seite 63

Das Reaktorunglück von Fukushima hat Bewegung in die Debatte um die Kernenergie gebracht. Während einige Länder am Bau neuer Reaktoren festhalten, deutet in der Schweiz derzeit alles auf einen Atomausstieg hin. Zwar sollen die bestehenden Anlagen nicht vorzeitig abgeschaltet werden. Für den Neubau von Reaktoren, die dem heutigen Stand der Technik entsprechen, gibt es aber keine politische Mehrheit. Ganz scheint man sich die Möglichkeit für eine Rückkehr zur Kernenergie allerdings nicht verbauen zu wollen. So hat die Energiekommission des Ständerats vergangene Woche für einen Atomausstieg ohne Technologieverbot plädiert. Demnach könnte die Kernenergie wieder zu einer Option werden, wenn die nächste Generation von Reaktoren gewisse Auflagen erfüllt.

Auflagen für neue Reaktoren

Zwar müssen diese Auflagen noch konkretisiert werden. Aus verschiedenen Wortmeldungen geht aber hervor, dass es vor allem um die Sicherheit zukünftiger Reaktoren und das Problem der Endlagerung geht. Selbst im unwahrscheinlichen Fall einer Kernschmelze, so wird gefordert, sollten die Folgen auf das Kraftwerk beschränkt bleiben. Ausserdem sollen die neuen Reaktoren keinen Atommüll mehr produzieren, der über geologische Zeiträume gelagert werden muss. Das sind Forderungen, die mit heutiger Technik nur teilweise zu erfüllen sind. Die Hoffnungen ruhen daher auf einer vierten Generation von Reaktoren, an der gegenwärtig geforscht wird. Die Kernenergie hat sich seit ihren Anfängen kontinuierlich weiterentwickelt. Auf die erste Generation von Reaktoren folgte in den 1970er Jahren die zweite. Dabei setzte sich das Konzept eines wassergekühlten Leichtwasserreaktors durch, in dem angereichertes Uran mittels langsamer Neutronen gespalten wird. Auch die dritte Generation von Reaktoren, die gegenwärtig gebaut wird und teilweise schon in Betrieb ist, hält an diesen Prinzipien fest. Die Reaktoren bestehen aus erprobten Komponenten und operieren unter ähnlichen Bedingungen wie ihre Vorgänger. Die Weiterentwicklung betrifft vor allem die Sicherheitssysteme. So verfügen einige der neuen Reaktoren über eine passive Kühlung, die auch bei einem Stromausfall funktioniert. Andere Reaktoren der dritten Generation wie der europäische Druckwasserreaktor besitzen eine doppelwandige Schutzhülle aus Stahlbeton, vierfach redundante Notkühlsysteme sowie eine Vorrichtung, die bei einer Kernschmelze das geschmolzene Material auffangen soll. Durch solche Verbesserungen beträgt die Wahrscheinlichkeit für eine Kernschmelze einen Zehntel bis einen Hundertstel von derjenigen der sichersten Reaktoren der zweiten Generation. Und wenn der Ernstfall dennoch eintritt, sollen die Schutzbarrieren das radioaktive Material zurückhalten. Für Jean-Marc Cavedon, der am Paul-Scherrer-Institut in Villigen die Abteilung für nukleare Energie- und Sicherheitsforschung leitet, stellt die dritte Generation den Kulminationspunkt von 30 Jahren Sicherheitsforschung dar. Trotzdem ist in den letzten Jahren die Erforschung von alternativen Reaktorkonzepten intensiviert worden. Den Anstoss dazu gab die amerikanische Regierung. Auf Initiative des Energieministeriums schlossen sich im Jahr 2001 neun Länder zum internationalen Forum Generation IV zusammen, um gemeinsam die Erforschung der nächsten Reaktorgeneration voranzutreiben. Seit 2002 gehört auch die Schweiz diesem Forum an. Zwar wird von den Reaktoren der vierten Generation gefordert, dass sie mindestens so sicher sein müssen wie jene der dritten Generation. Der Sicherheitsaspekt sei aber nicht der zentrale Punkt gewesen, der den Anstoss zur Entwicklung neuer Reaktoren gegeben habe, sagt Cavedon. Im Zentrum standen Kriterien wie eine effizientere Nutzung des Brennstoffs, eine Senkung des Proliferationsrisikos sowie eine Reduzierung der radioaktiven Abfälle. Nicht zuletzt spielten auch wirtschaftliche Überlegungen eine wichtige Rolle.

Die Qual der Wahl 

Zu den ersten Aufgaben des Forums gehörte es, aus über 130 vorgeschlagenen Reaktorkonzepten 6 auszuwählen, die den obigen Kriterien genügen. Alle weichen erheblich von den heutigen Leichtwasserreaktoren ab. So handelt es sich bei 4 der 6 Reaktoren um Hochtemperaturreaktoren, die bei wesentlich höheren Temperaturen arbeiten als die heutigen. Das hat einen höheren Wirkungsgrad zur Folge und erlaubt es, gleichzeitig Strom und Wärme für industrielle Prozesse zu produzieren. Ein anderes Unterscheidungsmerkmal ist die Energie der Neutronen, die die Kernspaltung aufrechterhalten. Währendheutige Reaktoren in der Regel mit langsamen (moderierten)Neutronen operieren, beruhen 4 der 6 neuen Reaktorkonzepten auf schnellen Neutronen. Das hat zwei Vorteile. Zum einen schont es die Uranressourcen, weil mit schnellen Neutronen spaltbares Plutonium aus Natururan erbrütet werden kann und sich so ein wesentlich höherer Prozentsatz des Urans nutzen lässt. Zum anderen verringert sich die Menge des radioaktiven Abfalls. Denn die schnellen Neutronen spalten neben dem Plutonium auch andere langlebige Transurane, die beim Betrieb eines Reaktors anfallen.

Cavedon schätzt, dass schnelle Reaktoren im Verbund mit einer Wiederaufbereitung des Brennstoffes einen Hundertstel der Abfallmenge produzieren könnten, den heutige Reaktoren ohne Wiederaufbereitung produzieren. Sein Kollege Martin Zimmermann, der am PSI das Labor für Reaktorphysik und Systemverhalten leitet, widerspricht aber der von Politikern geäusserten Vorstellung, man könne alle langlebigen Spaltprodukte in kurzlebige umwandeln, so dass der Abfall nur noch eine Menschengeneration gelagert werden müsse. Das seien Träumereien, die sich schon aus Kostengründen nicht realisieren liessen.

Alte Technik in neuem Kleid? 

Auch wenn die Konzepte für die Reaktoren der vierten Generation bewusst von der heutigen Technologie Abschied nehmen, so sind sie doch keineswegs neu. Fast alle beruhen sie auf Ideen, die bereits in der Vergangenheit verfolgt wurden, sich aber nicht gegen die Leichtwasserreaktoren durchsetzen konnten. Für Heinz Smital, einen Kernphysiker in Diensten von Greenpeace, spricht das Bände. Es sei ein Offenbarungseid, wenn die Verlierer von gestern jetzt als der grosse Fortschritt verkauft würden. Smitals Kritik richtet sich zum Beispiel gegen das Konzept eines natriumgekühlten schnellen Reaktors, auf dem derzeit besonders grosse Hoffnungen ruhen. Erst im vergangenen November hatte die französische Regierung bekanntgegeben, eine erste Tranche von 650 Millionen Euro in die Entwicklung eines Prototyps investieren zu wollen. Damit steckt Frankreich viel Geld in eine Technologie, die in der Vergangenheit mehrfach für negative Schlagzeilen gesorgt hat. Smital verweist auf den natriumgekühlten Monju-Reaktor in Japan, bei dem 1995 das Kühlmittel Feuer fing. Der Reaktor wurde daraufhin für 15 Jahre ausser Betrieb genommen. Auch der französische Superphénix-Reaktor, ebenfalls ein natriumgekühlter schneller Brüter, sei bis zu seiner Stilllegung im Jahr 1997 sehr unzuverlässig gewesen, sagt Smital. Dass sich eine Technologie mit derart grundlegenden Problemen auf dem Markt durchsetzen könne, hält er für utopisch. Dass ein Reaktor mit Natriumkühlung nicht unproblematisch sei, bestätigt auch Cavedon. Allerdings habe man aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Die Konzepte, die heute im Zusammenhang mit der vierten Reaktorgeneration diskutiert würden, beruhten zwar auf der gleichen Physik wie frühere Reaktoren. In technologischer Hinsicht seien die Konzepte aber erheblich weiterentwickelt worden. Bis man sich ein einigermassen verlässliches Bild von den Reaktoren der vierten Generation machen  kann, wird noch einige Zeit vergehen. Selbst wenn ein erster Prototyp bis 2020 gebaut werden sollte, könnte es noch einmal 20 bis 30 Jahre dauern, bis die  Technologie marktreif ist. Deshalb verfolgt Zimmermann die derzeitige politische Diskussion in der Schweiz mit Befremden. Er habe Mühe damit, dass der  vierten Generation der Vorzug vor der dritten gegeben werde, obwohl sich ihre Sicherheit bis jetzt noch gar nicht beurteilen lasse.


und NZZ 8.9.2011 Seite 17

Dissens zum Atomausstieg

Ständeräte nicht mehr einig

wab. Bern · Die vor einer Woche demonstrierte Einigkeit in der Energiekommission des Ständerats hatte eine kurze Halbwertszeit. Die Kommission hat am Mittwoch in einer zweiten Lesung zuvor beschlossene Änderungen an drei Motionen aus dem Nationalrat zwar bestätigt. Bewilligungen für neue AKW werden demnach nur ausgeschlossen, soweit es sich um Anlagen der «heutigen Generation» handelt (NZZ 31. 8. 11). SP, Grüne und Grünliberale tragen diese Einschränkung nun aber nicht mehr mit, sie wollen zur ursprünglichen Fassung der CVP-Motion im Nationalrat zurückkehren. Sie unterlagen in der Kommission mit 10 zu 3 Stimmen. Im Ständerat, der am 28. September entscheiden wird, dürfte es indes knapper werden, weil sich dort auch in den bürgerlichen Reihen Skeptiker der Atomtechnologie befinden.

Hoffnung auf neue Techniken

Ein Grund für den neu aufgebrochenen Dissens ist, dass keine Einigkeit darüber zu erzielen war, welche Auflagen eine künftige neue Generation von Atomanlagen erfüllen müsste, wie Kommissionspräsident Rolf Schweiger (Zug, fdp.) auf Anfrage bestätigte. Die bürgerliche Mehrheit wolle primär sicherstellen, dass die von Energieministerin Doris Leuthard nach Fukushima sistierten Verfahren zur Behandlung dreier Gesuche für neue AKW definitiv eingestellt werden könnten. Angesichts der Dynamik in der technischen Entwicklung wolle sie aber nicht alle Türen verschliessen und auch keine Aussagen machen, bis wann neue Techniken in akzeptabler Form verfügbar werden könnten. Aus heutiger Sicht sei es unwahrscheinlich, dass sie bis zum Ende der Lebensdauer der drei ältesten AKW in Beznau und Mühleberg bereit sein würden, räumte Schweiger ein. Dies gelte aber primär für Grosskraftwerke. Kleine Werke mit anderen Brennstoffen als Uran seien eher denkbar. Ein endgültiges Verbot lehne die Mehrheit daher ab; es müsste ihrer Meinung nach auch in der Verfassung und nicht nur in einem Gesetz verankert werden.

Grüne werben für Initiative

Dass für die Mehrheit auch Umrüstungen bestehender Werke in Frage kämen, um die noch gar nicht konkretisierten Anforderungen zu erfüllen, bestritt Schweiger indes. Die Grüne Partei äusserte diese Befürchtung in einem Communiqué, in dem sie gegen den Kommissionsentscheid protestierte. Die Grünen haben bereits eine Volksinitiative für einen raschen und verbindlichen Atomausstieg lanciert.


Da ist aber doch noch was anderes zu lesen in der Presse:

Die WOZ (08.09.2011) mit:

"Die Halbwertszeit des Schreckens"

Von Susan Boos, WOZ vom 08.09.2011

Jede Wurst, jede Tomatenbüchse, jede Senftube trägt in den Verkaufsregalen ein Verfallsdatum. Dinge verderben, nur wissen wir nicht, wann, und behelfen uns mit Verfallsdaten. Eine kluge Erfindung, die das Leben sicherer macht.

Atomkraftwerke kennen kein Verfallsdatum. Mindestens nicht diejenigen, die in der Schweiz in Betrieb sind. Zwar wird zurzeit viel vom Atomausstieg gesprochen. Der Nationalrat will ihn angeblich. Die vorberatende Kommission des Ständerats will ihn halb, weil sie nur Atomkraftwerke «der heutigen Generation» verbieten möchte. Die grünliberale Zürcher Ständerätin Verena Diener, die selber der Kommission angehört, findet das nicht so schlimm und sagt, man wolle ja nur «ein Spältli» offenhalten. SP-Fraktionspräsidentin Ursula Wyss pflichtet bei und sagt fröhlich in die Kamera: «Wesentlich ist, dass jetzt aus der Atomtechnologie ausgestiegen wird.» 

Der Vorschlag dürfte im Ständerat und später auch im Nationalrat durchkommen. Viele werden glauben, wir hätten den Atomausstieg – vielleicht ein bisschen verwässert, aber immerhin. Irrtum. Wir haben nichts. Weil eben Schweizer AKWs kein Verfallsdatum haben. Ohne Verfallsdatum dürfen sie am Netz bleiben, solange ihre Sicherheit gewährleistet ist. Nur lässt sich das schwer festmachen, weil man erst sicher weiss, dass etwas nicht mehr sicher war, wenn es kaputt ist. Wie bei der Wurst, die man nach diesem Prinzip so lange im Regal liesse, bis sie nachweislich verdorben wäre. Das wäre ein umweltfreundlicher Akt, müsste man doch viel weniger Lebensmittel entsorgen, die noch bekömmlich sind. Menschenfreundlich wäre es nicht, denn Lebensmittelvergiftungen sind fatal. Kernschmelzen auch.

In Deutschland hat man den Ausstieg, weil jedes Atomkraftwerk eine klar definierte Laufzeitbeschränkung hat. Das ist gut, denn so kann man sich vernünftig auf die Zeit danach vorbereiten. 

Einen solchen Ausstieg bräuchte die Schweiz. Den bekommt sie aber nur mit der Ini­tiative «Für den geordneten Ausstieg aus der Atomenergie», die vorschreibt, dass nach 45 Jahren jedes AKW vom Netz muss. 

Dann wäre da noch Verena Dieners «Spältli», das der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse als «weitsichtigen Entscheid» lobt. Das Spältli hat etwas Perfides: Denn was heisst «AKW der heutigen Generation»?

In der Schweiz sind Reaktoren der sogenannt zweiten Generation in Betrieb – eine Technologie, die aus dem letzten Jahrtausend stammt. Die neuen Reaktoren, die in Finnland und Frankreich gebaut werden, gehören zur dritten Generation. Es sind modifizierte Modelle der zweiten Generation. Bei diesen Neubauten sieht man, wie schwierig es ist, ein altes Modell auf neuer zu trimmen – der Bau wird viel teurer als geplant, und die Sicherheit ist höchst umstritten. 

Bürgerliche PolitikerInnen schwärmen zurzeit von der sogenannten vierten Generation. Das Generation IV International Forum (GIF), dem auch die Schweiz angehört, widmet sich dieser Generation. Allerdings verfolgt das GIF Reaktorkonzepte, an denen nicht viel Neues ist. Die Konzepte wurden schon in den fünfziger Jahren entwickelt, sie haben sich aber nie durchgesetzt, weil sie zum Teil schier unlösbare Sicherheitsprobleme mit sich bringen, wie zum Beispiel die Brütertechnologie: Der Superphénix, der Schnelle Brüter von Frankreich, verschlang Milliarden, bevor er stillgelegt wurde; in Japan stand der Brutreaktor Monju nach einem Brand jahrelang still. Andere Alternativen wie der Thoriumreaktor werden kaum je wirtschaftlich sein. Ob sie sicher sein könnten, weiss heute kein Mensch. Und Atomabfall werden auch sie produzieren. 

Die angeblich neuen Reaktoren basieren auf alten Ideen, die niemand weiterverfolgt hat, weil es zu gefährlich oder nicht wirtschaftlich war. 

Durch das Spältli könnte aber die dritte Generation wieder ins Spiel gebracht werden. Und dann wären wir wieder am Punkt null, dort, wo wir vor dem 11. März 2011 waren – nur ein halbes Jahr nach den drei Super-GAUs in Fukushima. Die Halbwertszeit des Schreckens ist wirklich überraschend kurz.


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