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Gesundheitliche Folgen des Uranabbaus - "Bericht von Günter Baitsch Im Umweltausschuss der Bundesärztekammer in Berlin Ende September 2010"

veröffentlicht um 08.06.2011, 01:28 von Claudia Bürgler   [ aktualisiert 05.07.2011, 01:25 von Martin Walter ]

Vorrede: Warum mach ich das?


1999 war ich für 4 Wochen in der Zentralsahara in der Republik Niger. Dort habe ich neben einer phantastischen Wüstenlandschaft, Menschen kennengelernt, die nach jahrelangem Bürgerkrieg wieder Hoffnung hatten. Der Tourismus begann sich als Einnahmequelle zu etablieren. Es waren, äusserst bescheidene, trotz extremer Armut, fröhliche Menschen. Und extrem ausdauernd.  Niger ist laut WHO das zweitärmste Land der Welt. Aufgrund der Rohstoffvorkommen eines der Reichsten.


Vor etwa 7 Jahren hat die Regierung neue Uran- Schürfrechte an Frankreich (bisher die einzige Nation und ehemalige Kolonialmacht), an Australien, China, Canada vergeben. Den Tuaregs wurde das Land, welches sie als Weidegründe für Kamele, Ziegen brauchen mit Gewalt und vielen Toten weggenommen. Die Menschen ganzer Oasen wurden mitsamt ihrer Tiere umgebracht. Der totale Bürgerkrieg - Tuareg gegen Regierung begann. Frankreich unterstützt diese Tuareg Rebellen mit Waffen, da es alleine die Macht über das Uran haben will. Seit einem Jahr ist nun auch Al Quaida am Werk und bringt den Tuaregs bei wie man Geiseln nimmt und Geld erpresst. Unser Energiehunger führt in einem fernen Land, das fast niemand kennt, zu Zerstörung, Toten, Menschen, die verhungern. Diesen Kreislauf will ich aufzeigen
 
Das Argument von Michael Beleites (Landesbeauftragter für die Unterlagen der DDR-Staatssicherheit in Sachsen) überzeugt mich: "Mir ist es wichtig, dass der Uranbergbau nicht nur als ein Teil, sondern als der entscheidende Teil der nuklearen Brennstoffkette begriffen wird. Und: Wenn man den Uranbergbau heute in Deutschland im grossen Massstab nicht durchsetzen kann, dann sollten wir so anständig sein und das auch andern nicht zumuten. Wir müssen dafür offenbar noch ethische Massstäbe entwickeln und diese in die Politik einführen. Wir dürfen für unseren Wohlstand nicht Rohstoffe beanspruchen, die anderswo zu Bedingungen produziert werden, die bei uns nicht erlaubt sind, weil sie die Umwelt verseuchen". Dies ist ja nichts anderes als Kants "Kategorischer Imperativ".
 
Anlässlich des Weltkongresses der IPPNW in Basel (August 2010), habe ich zusammen mit andern NGOs eine Konferenz zum Uranabbau bei indigenen Völkern (sog. Ureinwohner) organisiert.  Der folgende Text mag als Zusammenfassung dieser Konferenz gelten. Anwesend waren Indigene aus allen 5 Kontinenten, sowie Wissenschaftler aus Australien, Canada, und Deutschland.
 
Uran wird zu 70 - 80% auf Gebieten indigener Völker abgebaut. Die Gesellschaften sind meist westlich mit Sitz USA ,England , Frankreich und Australien.  Uran ist ein Schwermetall und radioaktiv, in seiner Toxizität als Schwermetall dem Quecksilber, Blei und Cadmium ähnlich. Es wird zu 98% ausgeschieden über Urin und den Darm, akkumuliert in Leber und der Niere. .
Der Uranbergbau findet in 25 bis 30 Länder meist im Tagebau statt. Es ist in der sogenannten Pechblende in kleinsten Mengen vorhanden. Arsen ist häufig ebenfalls dabei. Die Erze werden vor Ort mechanisch zerkleinert . Es folgen komplizierte physikalische und chemische Verfahren, zunächst mit organischen Lösungsmitteln, dann mit verdünnter Schwefelsäure und schliesslich mit Laugen. So erhält man den sogenannten" Yellow Cake". Dieser kommt als solcher in den Handel und wird über Börsen auf dem Weltmarkt angeboten.. Daher ist es im Einzelfall schwer nachweisbar, woher da Uran eines AKW kommt. Der Urangehalt ist sehr tief. Nach weiteren Extraktionsverfahren erhält man eine Mischung im Wesentlichen von zwei natürlichen Uranisotopen U-238 und U- 235. Das spaltbare U-235 muss für den Gebrauch in Kernkraftwerken vom Gehalt von 0,7% auf 2-5% angereichert werden (LEU- Lightly Enriched Uranium). Kernwaffenfähiges Material benötigt mindestens 60%, typischerweise 85 % U-235 (HEU - Highly Enriched Uranium).
Als Nebenprodukt des Anreicherungsprozesses entsteht abgereichertes Uran, im Wesentlichen U - 238 (DU- Depleted Uranium).  Dieses wird für panzerbrechende Geschosse eingesetzt und ist nach wie vor radioaktiv.

Für den primären Reinigungsprozess braucht es riesige Wassermengen, die aus den Trinkwasserreserven der lokalen Bevölkerung stammen. Die Abwässer werden in Becken, die teilweise kilometerlang und breit sind gelagert, oder als Abraumhalden. Man nennt sie " Tailings". Die Säuren, Laugen, Lösungsmittel, das Arsen und v.a. das Rest-Uran, und alle Nuklide, die nicht Uran sind, gelangen so in die Umwelt: Die Tailings enthalten 80% des radioaktiven Inventars des ursprünglichen Materials. Die Tailings trocknen aus, der nächste Sandsturm nimmt den kontaminierten Sand über 100km und mehr mit. Die Tailings überlaufen beim nächsten Monsun-Regen, wie in Nord-Ost Indien und überschwemmen das noch verbliebene Ackerland. Die riesigen Tailings sind undicht, kontaminieren Grundwasser, Flüsse über viele 100 km. Insekten, Wild und Nutztiere, Pflanzen sind somit belastet .Das Trinkwasser in Arlit hat eine 7-110 fach höhere Belastung, als der WHO - Grenzwert vorgibt.

Uranatome haben eine Halbwertszeit von4,5 Milliarden Jahre(U-238) bzw. 700 Millionen Jahre (U- 135). Ein bestimmtes Atom , kann also während Jahrtausenden in seinem Urzustand verbleiben, während sein Nachbaratom in der nächsten Minute zerfällt .Die Halbwertszeiten der Zerfallsprodukte variieren im Bereich von Millisekunden bis zu etwa 250‘000 Jahren. Die Zerfallsreihe endet mit dem stabilen Blei-206.

Unter den Zerfallsprodukten scheint das Radongas, ein Alpha- Strahler, nach heutigem Wissen die meisten gesundheitlichen Probleme zu machen. Es wird durch Atmung inkorporiert. Die krank machende Wirkung geht dabei von den Radon- Zerfallsprodukten aus. Zum Beispiel zwei Wismut-Isotope, beides Beta Strahler, sowie Polonium,( ein Zerfallsprodukt des Radiums und ein Alpha- Strahler) . Radon selbst hat eine kurze Halbwertszeit von 3,8 Tagen, seine Zerfallsprodukte teilweise eine sehr lange.

Mögliche Strahlenwirkung im menschlichen Organismus: Die Alpha- und teilweise Beta - Strahlen sind in der Lage, Elektrone aus den Atomen und Molekülen zu dislozieren. Sie beschädigen intrazelluläre Strukturen incl. Mitochondrien, Enzyme und DNA. Die DNA wird in der Zelle repariert, wobei die Reparatursysteme überfordert sein können, was zu Genominstabilität führt. Werden Doppelstrangbrüche unvollständig repariert, können sie als Trigger Krankheiten induzieren., übrigens auch Einzelstrangbrüche. Carcinome, teratogene Effekte, geistige Retardierung, Geburtsschäden, chromosomale Anomalien, Erbkrankheiten resultieren. Neuerdings werden auch Enzymschäden, insbes. durch Pankreasschäden diskutiert, sowie Immunschwächen und frühzeitiges Altern..
Beta Strahler haben nur eine kurze Reichweite, sie können aber die Zellen am Ort des Zerfalls nachhaltig schädigen Gamma- Strahlen sollen intrazellulär eine Kettenreaktion auslösen… (dies sind Hypothesen, die derzeit untersucht werden)

 

Folgende Krankheiten können als gesichert angesehen werden:

Bei Bergwerksarbeitern die Lungensilikose und das Lungen- und Bronchialkarzinom. In Wismut sind bis 1999 7‘200 Fälle als Berufskrankheit anerkannt, in den nächsten Jahren werden noch weitere 7000 erwartet, jährlich kommen 200 dazu. Bei den Navajo-Indianern, die Nichtraucher sind, ist das Lungencarcinom bei Bergwerkarbeitern 28 mal häufiger. Carcinome im Nasen-Rachenbereich wurden in Wismut eindeutig vermehrt festgestellt.
 
Folgende Krankheiten müssen als wahrscheinlich angesehen werden, sind aber statistisch noch nicht ausreichend abgesichert:
Niereninsuffizienz und Nierencarcinome: Aus Allen Uranabbaugebieten wird dies identisch berichtet, nicht nur bei Arbeitern, auch aus der Bevölkerung. Die Niereninsuffizienz ist auf die Wirkung des Schwermetalls Uran auf die proximalen Tubuli zurückzuführen.
 
Unspezifische Tumore, Lymphome, Leukämie, Magen und Gallenblase Carcinome, sind in allen Uranabbaugebieten vermehrt vorhanden aber bisher nicht systematisch erfasst.
Frühgeburten, Fehlgeburten, Missgeburten. Hier gibt es einzelne gute Studien aus Indien und Australien, von der Scientific community, jedoch noch nicht wahrgenommen. 
 
Folgende Krankheiten werden beobachtet, sind aber noch nicht "studiert": 

Frühzeitiges Altern, Frühzeitiger Tod, schnelle Arteriosklerose, Knochensarkome (Niger). Das Uran scheint dem Calcium zu folgen. Retardierung bei Kindern, Deprimiertes Immunsystem, Diabetes bei Kindern, Depressionen. 
 
Das Problem: Weder in Afrika noch in Indien, noch in Russland werden neutrale Studien erlaubt. Konzerneigene Krankenhäuser geben keine Daten heraus. Ärzte, die eine strahlenbedingte Krankheit in Erwägung ziehen, werden entlassen, bekommen teilweise Berufsverbot. (Dies wird aus all diesen Regionen einhellig berichtet). Der Tod wird dem Rauchen oder AIDS angelastet. In Nordamerika, Canada und Australien gibt es Studien, aber immer nur kleine Gruppen und keine Längsschnittstudien.

Arbeiter, die krank werden, werden in Arlit(Niger) meist entlassen, verlieren das Anrecht auf Behandlung im betriebseigenen Krankenhaus.
In Indien werden zunehmend Wanderarbeiter für kurze Zeit eingesetzt, in China vorzugsweise Häftlinge.....
 
Sozioökonomische Folgen:

Die Indigenen berichten einstimmig und unabhängig voneinander, dass in Australien, Indien, Nordamerika, Canada, Brasilien, allen Abbaugebieten in Afrika die Menschen aus ihren angestammten Gebieten vertrieben werden und nicht wissen wohin. Die meisten dieser Menschen haben eine tiefe Verwurzelung zu ihrem Gebiet und zu ihren heiligen Stätten. Dieses Trauma ist für sie häufig schlimmer als Krankheit und Tod.

In Afrika ist die lokale Bevölkerung teilweise nicht gegen den Uranabbau, sie möchte jedoch am "Gewinn" beteiligt werden, was zwar versprochen, aber nicht eingehalten wird. Es erfolgt keinerlei Orientierung über die gesundheitliche Problematik. 
 
Zusammenfassung und Schlussfolgerung:
 
Die Urangewinnung ist eine äusserst energie- und wasserintensive Industrie.
Die Urangewinnung verursacht für die Indigene Bevölkerung einen grossen Sozio- ökonomischen Schaden.
Fundamentale Menschenrechte werden verletzt.
Die Urangewinnung verursacht Silikose, Lungencarcinome, Magen und Nierencarcinome in nicht bekannter Grössenordnung, weil Studien konsequent verhindert werden.
Die Urangewinnung steht in dringendem Verdacht Fehl- und Missgeburten sowie geistige Retardierung zu verursachen. Schnelles Altern, Arteriosklerose Immundepression und Knochensarkome, kindlicher Diabetes , sowie Depressionen werden vermehrt beobachte, sind aber noch nicht systematisch erfasst.
 

Die Sanierung von "Wismut" hat bisher 6,2 Milliarden Euro gekostet .Ähnliche Summen müssen eines Tages auch für die jetzigen Uran-Gewinnungs- Länder aufgebracht werden.
Somit wird die Atomenergie eine exorbitant teure Energieform. 
 
Wünsche und Forderungen der "Indigenen"

- Helft uns, damit unsere Arbeitsbedingungen und der Arbeitsschutz verbessert werden
- Helft uns, dass wir neutrale Ärzte bekommen, die uns beraten, sauber diagnostizieren und uns therapieren.
- Fordert für uns objektive Studien ein, wir können ja nichts beweisen, nicht Alle haben AIDS.
- Helft uns mit Infomaterial für die Bevölkerung unserer Gebiete, denn sie ist über nichts orientiert
- Helft uns, das langfristige Ziel zu erreichen " Lasst das Uran in der Mutter Erde"
 
Konsequenz für uns Ärzte:
Wir müssen wissenschaftliche Arbeiten einfordern
Wir müssen die Indigenen ernst nehmen: Sie brauchen nicht-verstrahltes Trinkwasser und Nahrungsmittel, bessere Luft, bessere Arbeitsbedingungen.
Wir sind moralisch verpflichtet, unsere Kolleginnen und Kollegen über all diese Tatsachen aufzuklären und allen klar zu machen, dass unsere "saubere, billige und CO2 Freie Energie" andere mit viel Leid bezahlen.
Wir müssen die Kraftwerksbetreiber und Politiker (die beide ganz offensichtlich nicht orientiert sind über diese Zustände) aufklären.
 
 
Kant: Der Kategorische Imperativ: Er gebietet allen endlich vernunftbegabten Wesen, und damit allen Menschen, Handlungen darauf zu prüfen, ob sie einer universalisierbaren Maxime folgen und ob dabei die betroffenen Menschen je auch in ihrer Selbstzweckhaftigkeit berücksichtig werden.
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