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Unlösbare Probleme der Atomenergie - zB Entsorgung

veröffentlicht um 03.09.2013, 00:11 von Martin Walter   [ aktualisiert: 18.12.2013, 05:49 ]
Ganz offensichtlich sind weltweit die Probleme mit der Entsorgung von radioaktiven Abfällen nicht gelöst und sie werden auch nie lösbar sein. Das einzige, was wir tun können ist Schadensbegrenzung über Jahrtausende. Tepco in Japan kommt  mit dem Problem Fukushima nicht zurecht, auch die japanische Regierung wird mit Fukushima nicht zurecht kommen. Und auch wir werden mit dem Abfall aus den Schweizer AKW nicht zurechtkommen in Form einer wirklichen Lösung des Problems.
 
Pläne der Politiker müssten berücksichtigen, dass die Atomenergie die Menschheit vor unlösbare Probleme gestellt hat und dass es keine sichere Endlagerung gibt und geben wird. Die Pflästerlipolitik von Tepco, wie das bisherige Vorgehen von Tepco durch die japanischen Politiker bezeichnet wird, wird auch in verstaatlichter Form und auch in Japan eine Pflästerlipolitik bleiben. Auch wenn mit der grossen Kelle angerichetet werden soll.
 
Intellektuell gesehen gibt es aber einen ersten wichtigen Schritt der Schadensbegrenzung: Beenden des Irrweges Atomzeitalter. Ausstieg aus der Atomenergie und zwar subito.  

unten:

Die Beiträge in der NZZ, Seite 1 und Meinung und Debatte, Seite 19 vom 3.9.2013 zeigen uns die Hoffnungslosigkeit in Sachen Fukushima und die Tatsache, dass sichere nukleare Entsorgung nicht möglich ist.

Atomruine Fukushima

Millionen für den Kampf gegen radioaktives Wasser

Japans Regierung stellt eine halbe Milliarde Franken zur Verfügung, um den ständigen Lecks im AKW Fukushima Daiichi, aus denen radioaktives Wasser austritt, Herr zu werden. Die Kraftwerkbetreiberin Tepco ist überfordert.

paz.  Die japanische Regierung setzt weitere Steuergelder ein, um der Lage im zerstörten Atomkraftwerk Fukushima Daiichi Herr zu werden. Wie ein Sprecher der Regierung am Dienstag bekanntgab, werden 47 Milliarden Yen (442 Millionen Franken) bereitgestellt.

Ring aus Eis

Konkret sind zwei Massnahmen vorgesehen. Einerseits will man einen unterirdischen Ring aus Eis erstellen, um den Grundwasserstrom zu stoppen. Dazu soll der Boden gefroren werden. Andererseits ist eine zweite Kläranlage geplant, die radioaktive Partikel aus dem Wasser filtern kann. Anschliessend soll das so behandelte Wasser ins Meer abgeleitet werden.

Auf administrativer Ebene ist ein Büro vorgesehen, das die Verantwortlichen in den verschiedenen Ministerien unter einem Dach vereint.

Regierung verliert Geduld

In den letzten Tagen hatten verschiedene Vertreter der Regierung und hohe Beamte Tepco, die Betreiberin des Atomkraftwerks scharf kritisiert. Der Industrieminister bezeichnete das Vorgehen von Tepco als Pflästerlipolitik, die Atomaufsichtsbehörde NRA verlangte ultimativ, dass Tepco die Kontrolle der über 1000 riesigen Tanks mit radioaktivem Wasser verstärke.

Ministerpräsident Shinzo Abe gab daraufhin bekannt, dass die Probleme in Fukushima Daiichi nicht mehr länger allein Tepco überlassen werden könnten.

Riesige Wassermengen

Über das Wochenende war erneut massiv erhöhte Radioaktivität festgestellt worden, nachdem letzte Woche bekannt geworden war, dass aus einem Tank 300 Tonnen hochradioaktives Wasser unbemerkt ausgeflossen war. Dieses floss wahrscheinlich ins Meer. Die gelagerte Wassermenge steigt ständig an, einerseits ist dies Kühlwasser aus den zerstörten Reaktoren, andererseits Grundwasser, das dort unkontrolliert einfliesst und abgepumpt werden muss.

Um die ständig anschwellenden Wassermassen zu lagern, werden in grösster Eile laufend neue Tanks erstellt. Um Zeit zu sparen, wurden bei über 300 Tanks die Stahlplatten verschraubt statt verschweisst. Die Lecks der letzten Zeit sind vorwiegend an Tanks dieses Typs aufgetreten.

Angst um Olympiade

Dass die Regierung nun medienwirksam verkündet, eingreifen zu wollen, hat vielleicht einen Grund. Am Samstag werden die Olympischen Spiele 2020 vergeben. Tokio befürchtet, dass das Desaster in Fukushima seine Chancen gegenüber den beiden Mitbewerbern Istanbul und Madrid schmälern könnte.

und: Meinung und Debatte, Seite 19, NZZ 3.9.2013

Japans Regierung und Fukushima

Pleiten, Pannen und kein Plan

Patrick Zoll, NZZ 3.9.2013

Geschlagene zweieinhalb Jahre hat es gedauert, bis die japanische Regierung gemerkt hat, dass Tepco, die Betreiberin des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi, mit der Lage überfordert ist. Das Flickwerk von Tepco stosse an seine Grenzen, sagte der Kabinettssekretär Yoshihide Suga am Montag, darum trete die Regierung jetzt ins erste Glied und werde rasch Antworten finden. Bereits am Dienstag will das Kabinett zusammenkommen und Lösungen beraten. Mit anderen Worten: Auch heute noch hat die Regierung keinen Plan, wie sie die Lage in Fukushima unter Kontrolle bringen will. Sie muss zuerst einmal darüber nachdenken. Dabei könnte sie bereits seit einem Jahr direkt eingreifen: Damals erhielt die bankrotte Tepco rund 10 Milliarden Franken aus der Staatskasse; seither gehört das Unternehmen de facto dem Staat.

Lieber verkaufen statt überwachen

Pausenlos beteuern Politiker aller Couleur, dass die Bewältigung der Krise in Fukushima alleroberste Priorität habe. Bei immer noch über 100 000 Personen, die wegen der Verstrahlung nicht in ihre Häuser zurückkehren können, sind diese Lippenbekenntnisse wohl unabdinglich fürs politische Überleben. Gleichzeitig weibelt Ministerpräsident Shinzo Abe weltweit für japanische Atomtechnologie. Auf mehreren Auslandreisen trat er seit seinem Amtsantritt vor neun Monaten als Chefverkäufer der heimischen Atomindustrie auf, zum Beispiel in der Türkei, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Vietnam oder Saudiarabien.

Die Bürokratie spiegelt diese Prioritätensetzung: Die halbstaatliche Japan Atomic Energy Agency (JAEA), die für Forschung und Entwicklung der Atomkraft zuständig ist, tüftelt weiter an der Kernfusion und will den pannengeplagten Versuchsreaktor in Monju wieder in Betrieb nehmen. Die Zeitung «Asahi» forderte da zu Recht, dass die JAEA endlich aufhören solle, für diese Phantasterei Zeit und Geld zu verschwenden. Viel eher müsse die Organisation Fachleute und Technologien entwickeln, die in der Lage seien, die Verschmutzung in Fukushima aufzuräumen.

Mit den zuletzt bekanntgewordenen Lecks scheint für die Regierung eine Schwelle überschritten worden zu sein, bei der sie sich zum Einschreiten verpflichtet sieht. Doch warum tat sie dies nicht, als eine Ratte einen Stromausfall verursachte? Oder als bekannt wurde, dass praktisch seit Beginn täglich 300 Tonnen verseuchtes Wasser ins Meer laufen? Oder in einem der zahlreichen Momente, in denen Tepco der Lüge und Fehlinformation überführt wurde? Alarmzeichen gab es genug, bloss wollte die Regierung diese bisher nicht sehen.

Olympia und Neustarts

Der Zeitpunkt lässt Zweifel aufkommen, ob Abe und sein Team jetzt wirklich bereit sind, die Verantwortung zu übernehmen. Ist das Ganze vielleicht bloss eine PR-Aktion? Erstens wird am Samstag die Olympiade 2020 vergeben, für die Tokio kandidiert. Immer lauter werden die Befürchtungen, dass man die schon auf sicher geglaubten Spiele im letzten Moment noch verlieren könnte, wenn die Lage in Fukushima nicht unter Kontrolle ist.

Zweitens wird Japan bald wieder atomstromfrei sein. Am Montagabend ging der zweitletzte noch laufende Reaktor vom Netz, der letzte muss spätestens am 15. September für Routinekontrollen abgeschaltet werden. Damit kommt die Atomlobby in Erklärungsnot: Warum gehen die Lichter nicht aus, obwohl einst rund 30 Prozent des Stroms aus Atomkraftwerken kamen? Die Kraftwerkbetreiber, Tepco inbegriffen, wollen daher ihre teuren Anlagen so rasch als möglich wieder in Betrieb nehmen; es geht für sie auch ums finanzielle Überleben.

Die Regierung von Shinzo Abe unterstützt die Elektrizitätswerke, denn sie hält Atomstrom für unabdingbar für den Wirtschaftsstandort Japan. Regierung wie Industrie beteuern pausenlos, dass man aus der Katastrophe die Lehren gezogen habe und dass die Sicherheit höchsten Ansprüchen genüge. Ständig neue Katastrophenmeldungen aus Fukushima Daiichi untergraben die Glaubwürdigkeit dieser Beteuerungen. Und darum sieht sich die Regierung gezwungen, etwas zu tun, auch wenn sie keinen Plan hat.

 
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