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UN-Bericht unterschätzt die gesundheitlichen Folgen der Atomkatastrophe von Fukushima

veröffentlicht um 10.06.2014, 02:31 von Claudia Bürgler
Am 2. April 2014 veröffentlichte der Wissenschaftliche Ausschuss der Vereinten Nationen zur Untersuchung der Auswirkungen der atomaren Strahlung (UNSCEAR) seinen Fukushima-Bericht. ÄrztInnen der atomkritischen Friedensnobelpreisorganisation IPPNW werfen diesem Bericht vor, die gesundheitlichen Folgen der Atomkatastrophe systematisch zu verharmlosen und haben eine kritische Analyse des UNSCEAR-Berichts verfasst. Leitender Autor dieser Analyse ist der Berliner Kinderarzt und IPPNW-Vorstandsmitglied Dr. Alex Rosen. Einleitend lobt er die Arbeit der UN-Wissenschaftler: “Als Mediziner, die sich mit den Folgen radioaktiver Strahlung auf die menschliche Gesundheit und das Ökosystem befassen, schätzen wir die Tatsache, dass sich die Vereinten Nationen mit dieser komplexen Thematik in einem umfangreichen Bericht befassen. So wird darauf hingewiesen, dass es sich bei dem Atomunglück von Fukushima nicht um ein singuläres Ereignis handelt, sondern um eine andauernde Umweltkatastrophe; dass diese nicht auf die Grenzen der Präfektur Fukushima beschränkt ist, sondern Menschen in ganz Japan und darüber hinaus betrifft; und dass die Havarie der Atomreaktoren von Fukushima Dai-ichi zur größten jemals gemessenen radioaktiven Verseuchung der Weltmeere geführt hat.” Basierend auf den, im UNSCEAR-Bericht aufgeführten kollektiven Lebenszeitdosen für die japanische Bevölkerung durch radioaktiven Niederschlag gehen die IPPNW-ÄrztInnen in den kommenden Jahrzehnten von ca. 1.000 strahlenbedingten Schilddrüsenkrebsfällen und zwischen 4.300 und 16.800 weiteren Krebsfällen aus. Allerdings stellt Rosen fest, dass “Vorhersagen nur so gut sei können, wie die Annahmen und die Daten auf die sie basieren”. Diese müssen jedoch laut IPPNW auf Grund der folgenden Punkte als systematische Unterschätzungen angesehen werden:


            1          Die Validität der im UNSCEAR-Bericht aufgeführten Emissionswerte ist zweifelhaft

            2          Es gibt ernsthafte Bedenken bezüglich der Berechnung der internen Strahlendosen

            3          Es gibt keine verlässlichen Dosisberechnungen für die Arbeiter im AKW Fukushima

            4          Der UNSCEAR-Bericht ignoriert die Strahleneffekte auf die Tier- und Pflanzenwelt

            5          Die besondere Strahlenempfindlichkeit des ungeborenen Kindes wird nicht berücksichtigt

            6          Nicht-Krebserkrankungen und genetische Effekte werden von UNSCEAR ignoriert

            7          Der Vergleich von radioaktivem Niederschlag mit natürlicher Hintergrundstrahlung ist unzulässig

            8          Die Interpretation der verfügbaren Daten durch UNSCEAR ist fragwürdig

            9          Die von den Behörden veranlassten Schutzmaßnahmen werden falsch dargestellt

            10        Schlussfolgerungen aus den Schätzungen der Kollektivdosen werden nicht präsentiert

 

Laut UNSCEAR sei es “unwahrscheinlich, dass gesundheitliche Folgen in der Allgemeinbevölkerung oder der überwiegenden Mehrheit der Arbeiter auf die radioaktive Strahlung durch den atomaren Unfall von Fukushima-Daiichi zurückzuführen sein werden”. Hierzu Rosen: “Selbstverständlich ist es nicht möglich, einen einzelnen Krebsfall auf einen spezifischen Auslöser zurück zu führen, da Krebserkrankungen  kein Herkunftssiegel tragen. Doch allein die Zahl der bisher entdeckten Schilddrüsenkrebsfälle ist bereits unerwartet hoch. Die schrecklichen Folgen der Atomkatastrophe für zehntausende Familien auf ein statistisches Problem zu reduzieren ist unangebracht und ignoriert die vielen individuellen Schicksale der betroffenen Menschen.

 

Bis Ende Dezember 2013 wurden bereits bei 33 Kinder mit Schilddrüsenkrebs Operationen durchgeführt; 41 weitere haben ebenfalls krebsverdächtige Biopsieergebnisse und müssen noch operiert werden. Es ist zu erwarten, dass die Zahl der Krebsfälle weiter steigen wird, da bislang erst für 70% der betroffenen Kinder Ergebnisse vorliegen und hunderte Kinder mit suspekten Ergebnissen in den ersten Reihenuntersuchungen noch auf ihre Folgeuntersuchungen warten. Japanische Krebsstatistiken belegen in der entsprechenden Altersgruppe normalerweise eine Inzidenz von weniger als einem Schilddrüsenkrebsfall pro Jahr. “Medizinische Vorsorgeuntersuchungen und Studien zu anderen Krebs- und Nicht-Krebserkrankungen werden in den kommenden Jahrzehnten benötigt um die gesundheitlichen Folgen der Atomkatastrophe zuverlässig zu überwachen und den vom radioaktivem Niederschlag betroffenen Menschen die bestmögliche medizinische Betreuung zukommen zu lassen,” so Rosen. 

 

Grund für die systematische Verharmlosung der Atomkatastrophe ist laut IPPNW die Tatsache, dass es sich bei UNSCEAR um ein industrienahes Gremium handelt, welches von den Atomstaaten mit unkritischen Wissenschaftlern besetzt wird, von denen viele vorher Karrieren in Institutionen der Atomindustrie gemacht haben. Es geht, so Rosen, bei der Kritik am UNSCEAR-Bericht “nicht nur um eine unabhängige wissenschaftliche Forschung, die sich keiner politischen oder wirtschaftlichen Einflussnahme unterwirft, sondern vor allem um das universelle Menschenrecht auf Gesundheit und das Leben in einer gesunden Umwelt. Dies sollte die Leitlinie für die Evaluation von gesundheitlichen Folgen der Fukushima-Katastrophe sein, nicht die Interessen der Atomlobby.”

 

Die englischsprachige kritische Analyse des UNSCEAR-Berichts findet sich unter hier
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