Aktuell‎ > ‎AKW‎ > ‎

Schweizer AKW zu unsicher

veröffentlicht um 25.06.2013, 06:11 von Martin Walter   [ aktualisiert: 25.06.2013, 06:14 ]

NZZ am Sonntag 23.6.2013 - Meinungen, Seite 19

Das Risiko der Schweizer Atomkraftwerke ist zu hoch

Schweizer AKW gehören zu den ältesten in Europa und stellen ein enormes Gefährdungspotenzial dar. In Deutschland wurden solche Altreaktoren bereits abgeschaltet, schreibt Dieter Majer

Spätestens seit den schweren Unfällen in Three Mile Island (USA) 1979, Tschernobyl 1986 und Fukushima 2011 hat sich in vielen Ländern eine neue kritische Einstellung zur weiteren Nutzung der Atomenergie entwickelt. Ausbauprogramme auch in der Schweiz wurden ad acta gelegt. Die Frage ist nun, wie lange es noch zu verantworten ist, bestehende in die Jahre gekommene Atomkraftwerke weiter zu betreiben.

Während meiner Funktion als Vorsitzender der deutschen Delegation in der Deutsch-Schweizerischen Kommission zur gegenseitigen Information über grenznahe Atomkraftwerke und jahrelanger Beobachter der Schweizer Atomaufsichtsbehörde waren für mich die Risikoeinschätzungen der Schweizer aus der Sicherheitsperspektive nicht immer nachvollziehbar.

Atomkraftwerke weisen schon aufgrund ihrer Bauart und der ihnen innewohnenden physikalischen Gesetzmässigkeiten ein enormes Gefährdungspotenzial auf. Dazu kommt, dass die Schweizer Anlagen zu den ältesten Atomkraftwerken in Europa zählen und im Vergleich zum heutigen Stand von Wissenschaft und Technik erhebliche sicherheitstechnische Nachteile aufweisen.

Obwohl die Risiken durch einen Terrorangriff aus der Luft nach den Ereignissen vom 11. September 2001 in den USA für jeden sichtbar wurden, hat man in der Schweiz dieses Problem mit Hinweis auf die geringe Eintrittswahrscheinlichkeit eines solchen Terrorangriffes negiert. Das ist darauf zurückzuführen, dass in der Schweiz nicht immer die Sicherheit das entscheidende Kriterium für die Umsetzung von Nachrüstmassnahmen ist.

Vielmehr ist die technische Machbarkeit entscheidend. Dabei wird nicht der jeweils aktuelle Stand von Wissenschaft und Technik als Bewertungsmassstab herangezogen, sondern die für die bestehenden Anlagen technisch realisierbaren Nachrüstmöglichkeiten. So werden Massnahmen, die aus Sicherheitsgründen notwendig wären, nicht umgesetzt, weil sie technisch schwierig sind. Diese Vorgehensweise führt nicht zur bestmöglichen Schadensvorsorge.

Die Beznauer Druckwasserreaktoren wurden in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelt und errichtet. Seither hat sich die Auslegung von Druckwasserreaktoren in beträchtlichem Mass weiterentwickelt. In der Schweiz wurden zwar erhebliche Nachrüstungen durchgeführt, doch bestimmte Defizite konnten wegen der räumlichen und bautechnischen Beschränkungen nicht ausgeglichen werden.

Die Dicke des Sicherheitsbehälters im Atomkraftwerk Beznau ist ein Schwachpunkt, weil davon auszugehen ist, dass der Behälter beispielsweise einem Flugzeugabsturz nicht standhalten würde, was zu einer Freisetzung grosser Mengen radioaktiver Stoffe führen könnte. Die Anlage Beznau ist ausserdem besonders anfällig für Störfälle. Aus all diesen Gründen hat man in Deutschland das annähernd gleich gebaute Atomkraftwerk Obrigheim schon im Mai 2005 trotz einem Antrag des Betreibers auf Verlängerung der Laufzeit stillgelegt.

Der Siedewasserreaktor in Mühleberg ist ein Reaktor, dessen Weiterbetrieb schon allein aus konzeptionellen Gründen fragwürdig ist. Er entspricht in seiner Bauart im Wesentlichen den Anlagen in Fukushima, weist klare sicherheitstechnische Nachteile auf und ist besonders rissanfällig. Der ähnliche Reaktor Würgassen in Deutschland wurde aus diesen Gründen im April 1997 stillgelegt.

Darüber hinaus ist das Atomkraftwerk Mühleberg aufgrund seiner Lage unterhalb eines Stausees besonders überflutungsgefährdet. Auch die übrigen Anlagen in der Schweiz haben Auslegungsmängel, die in ihrem Baujahr begründet sind und die nicht korrigiert werden können.

Ein besonderes Problem bei älteren Anlagen stellen die Alterungsprozesse dar. Unter «Alterung» wird die Veränderung von Eigenschaften über die Zeit verstanden. Altern können somit technische Systeme, Komponenten, Anlagenteile, Elektrik, Hilfs- und Betriebsstoffe, Dokumente, Bauwerke und Einrichtungen aller Art.

Alterungseffekte werden häufig erst bemerkt, nachdem Schäden eingetreten sind, da ihre Mechanismen in Mikrostrukturen wirken und von aussen oft nicht sichtbar sind. Besonders fatal ist es, wenn Alterungseffekte erst bei einem Auftreten von Störfällen bemerkt werden, weil die für die Störfallbeherrschung erforderlichen Sicherheitssysteme versagen. Der wirkliche Qualitätszustand eines Bauteiles zeigt sich erst bei entsprechender Störfallbelastung. Da dies vorher nicht simuliert werden kann, geht die Aussage, das Atomkraftwerk habe seine Sicherheit im Betrieb erwiesen, ins Leere.

Das Risiko eines alterungsbedingten Ausfalls von sicherheitstechnisch wichtigen Komponenten nimmt auch in der Schweiz laufend zu, zumal drei von fünf Schweizer Atomkraftwerken bereits über 40 Jahre in Betrieb sind.

Insgesamt ist festzustellen, dass das Risiko der Schweizer Atomkraftwerke von Politik und Bevölkerung nicht mehr für lange Zeiträume hingenommen werden sollte. Ein rascher Ausstieg aus der Nutzung der Atomenergie ist das Gebot der Stunde, auch in der Schweiz.


Dieter Majer

Dieter Majer, 67, war bis 2011 Leiter des Bereichs «Sicherheit kerntechnischer Anlagen» im deutschen Bundesumweltministerium und massgeblich beteiligt an der Abschaltung verschiedener AKW in Deutschland. Er sass auch in der Deutsch-Schweizerischen Kommission für die Information über grenznahe AKW.

Comments