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PSR/IPPNW schreibt offenen Brief an Prof. Prasser

veröffentlicht um 24.04.2019, 03:38 von Claudia Bürgler   [ aktualisiert: 04.07.2019, 23:16 ]
Herrn Prof. Dr. Horst-Michael
Prasser ETH Zürich,
Energy Science Center ML K 13
Sonneggstrasse 3
8092 Zürich


Basel / Luzern, 23. April 2019

Offener Brief an Prof. Prasser vom 23.4.2019

Sehr geehrter Herr Prof. Prasser

Wir wenden uns an Sie im Rahmen der momentanen Diskussion um den Nutzen der Kernenergie und ihren Stellenwert bei der Klimafrage, insbesondere auch in Sorge um die damit verbundenen Risiken. Wir sind zwei Ärzte im Ruhestand: Dr. med. C. Knüsli ist Onkologe und Prof. A. Nidecker Radiologe mit diagnostischer und nuklear-medizinischer Praxis, beide in Basel. Beim öffentlichen Interesse für Fragen der Energiezukunft in der Schweiz und den anstehenden politischen Weichenstellungen, aber auch beim Druck von der Strasse hinsichtlich der Klima-Konsequenzen, möchten wir diesen Brief „offen“ halten bzw. der Presse und damit der Öffentlichkeit zukommen lassen. Wir möchten Sie höflich bitten, dass auch Sie Ihre allfällige Antwort auf unsere Fragen wiederum der Öffentlichkeit zukommen lassen werden.

Sie sind als Spezialist für Kernenergiesysteme an der ETH in unserem Land weitherum bekannt und ihre Aussagen haben Gewicht. Als Ausbildner sind Sie besonders bei der Lehre junger Fachleute auf Ihrem Ge-biet aber auch in der Forschung besonders gefordert. Wie Sie setzen auch wir Ärzte uns seit Jahrzehnten mit dem Thema der Kernenergie auseinander, wobei für uns aber deren Risiken im Vordergrund stehen. Wie wahrscheinlich Sie selber, sind auch wir geprägt von den Katastrophen der Kraftwerke in Tschernobyl und Fukushima, wobei menschliches Versagen bei beiden Unfällen eine Rolle gespielt hat: In Tschernobyl in erster Linie im Rahmen eines bewusst vollzogenen Systemtests mit nicht beherrschbaren Folgen, in Japan bereits bei der Planung und nachlässigen Bauausführung der Reaktoranlage.

Uns Ärzten bereitet nicht nur der globale Fallout aus den Zeiten der atmosphärischen Atomtests, sondern auch die kontinentale Kontaminierung durch die beiden nuklearen Katastrophen in Europa und Japan Sor-ge. In Fukushima findet zudem eine weiterhin andauernde Belastung des Pazifiks durch das auslaufende radioaktiv kontaminierte Kühlwasser statt. Via Nahrungskette belastet die Einnahme von kontaminiertem Fisch und sonstigem Seafood auch die Konsumenten. Auch die Umweltbelastung durch die unkontrollierten Abraumhalden zahlreicher Uranminen sind problematisch: radioaktiver Staub wird verweht oder gelangt bei Niederschlägen ins Grundwasser. In diesem Zusammenhang wurde ja vor kurzem Johannesburg als „die radioaktivste Stadt der Welt“ genannt, weil die in den Tailings der Goldminen gelagerten Erze natürlich auch Urananteile enthalten.

Bei der Buchpublikation von „Atomfieber“ von Michael Fischer haben Sie vor kurzem die Hoffnung geäus-sert, dass neue Entwicklungen bis hin zu einer quasi risikofreien Atomenergie denkbar seien, ja dass so die Klimaerwärmung gebremst werden könne. Auch das Atommüllproblem sei so fast von selbst lösbar. Weil uns hier Fachwissen fehlt, möchten wir uns nicht zu den neusten Entwicklungen im Reaktordesign äussern. Wir sind jedoch der Ansicht, dass die Kerntechnologie im Vergleich mit den Alternativen Energien aus Kos-tengründen keine Zukunft haben wird und deshalb auch keinen Beitrag bei der Bewältigung des Klimawan-dels leisten kann. Sie kommt bei dessen Dringlichkeit in jedem Fall zu spät, produziert mehr CO2 als erneu-erbare Energiequellen und leistet weltweit ohnehin einen immer geringeren Beitrag zur Elektrizitätsgewin-nung. Wir sehen in der Wahrnehmung der negativen Aspekte der Nutzung der Atomenergie eine gewisse Kluft zwischen Ihnen, dem AKW-Spezialisten, und uns kritischen Ärztinnen und Ärzten und auch einer teil-weise kritisch eingestellten Öffentlichkeit: Könnte diese Diskrepanz in der Perzeption etwas damit zu tun haben, dass sich Nuklearfachleute mit den problematischeren Aspekten der Kernenergienutzung schwer-tun, während Ärztinnen und Ärzte diese eher als wichtig erachten, sind sie doch in ihrem Alltag oft mit Krankheit und Tod konfrontiert ?
Sie stimmen mit uns überein, dass die Atomtechnologie hochkomplex ist und wir hinterfragen sie insbeson-dere wegen dem durch ihre Verwendung gegebenen Risiko menschlicher Fehlleistungen. Sie beschäftigen sich in Ihren Labors mit der Abbildung von Störfällen bei Atomanlagen und haben zweifelsohne auch hier hohes Fachwissen. Wenn die Hauptgefahr für einen schweren Unfall neben Naturkatastrophen aber der «Faktor Mensch» ist und durch Nachlässigkeit, Krankheit oder sonstige Gründe Fehlleistungen passieren, kann diese Gefahr u.E. durch technischen Fortschritt nur bedingt gemindert werden.

Tatsächlich als schwerwiegend - und dies ist auch der Hauptgrund unseres Schreibens - erachten wir das Risiko einer Reaktorkatastrophe in unserem Land oder in Europa. Dies, auch wenn die in der Schweiz ein-gesetzten Reaktoren offenbar seit ihrer Inbetriebnahme ständig auf den neusten Sicherheitstand gebracht worden sein sollen. Und doch: bereiten Ihnen als Unfallanalytiker Alterungsprozesse von Einzelkomponen-ten der bestehenden doch schon älteren Reaktoren keine Sorgen?

Sie haben anlässlich der erwähnten Buchvernissage die Position vertreten, „es gäbe nie null Risiko“. Wel-ches Risiko, so möchten wir Sie abschliessend fragen, kann sich die Schweiz – nicht in ferner Zukunft, sondern in den nächsten zwei Jahrzehnten – durch den weiteren Betrieb unserer alten Reaktoren konkret leisten? Wie viele strahlungsbedingte Krebskranke – und welchen wirtschaftlichen Einbruch – nähmen Sie im Fall eines grösseren AKW-Unfalls in der dichtbesiedelten Schweiz in Kauf?

Für Ihre Überlegungen und Replik möchten wir uns bedanken und verbleiben
Mit freundlichen Grüssen

PSR / IPPNW Schweiz, Vorstandsmitglieder

Dr. med. Claudio Knüsli Prof. (em.) Dr. med. Andreas Nidecker



(Antwort von Herrn Prof. H.M. Prasser per email vom 25.4.2019)

From: Prasser Horst-Michael
Sent: Thursday, April 25, 2019 18:37
To: psr / ippnw
Cc: clknu@hotmail.com; anidecker@bluewin.ch
Subject: Re: Offener Brief an Herrn Prof. Prasser vom 23.4.2019
 

Sehr geehrter Dr. Knüsli, sehr geehrter Professor Nidecker

Ich freue mich ganz ausserordentlich, dass Sie über das Risiko der Kernenergie mit mir in Diskussion treten wollen.

Als Ärzte sind Sie bei Therapien, die Sie anwenden mussten, sicherlich oft Risiken eingegangen, um Schaden abzuwenden. Ich habe mich nicht nur mit Kernenergie beschäftigt, sondern stets versucht, das Gesamtsystem der Energieversorgung im Auge zu behalten. Das führt mich zu dem Schluss, dass die Kernenergie dringend angewandt werden muss, um die mit der Energieversorgung verbundenen Umweltprobleme einigermassen beherrschen zu können. Unter anderem möchte ich, dass die Gefahren der immer sichtbarer werdenden Klimaveränderungen noch abgemildert werden können. Ich komme auch zu dem Schluss, dass die kolossale Aufgabe nur gelöst werden kann, wenn sich ein sparsamer und rationeller Energieeinsatz, die erneuerbare Quellen und die Kernenergie dabei ergänzen. Es ist sozusagen wie mit der Strahlentherapie und der Chemo auf Ihrem Gebiet.

Dabei kann ich Ihnen versichern, dass ich die Risiken nicht leichtfertig in Kauf nehme. Ich habe mir vielmehr, gemeinsam mit vielen anderen Kollegen, die Aufgabe gestellt, das Risiko der Kernenergie im gesamten Lebenszyklus immer weiter zu senken. Ich bin der Überzeugung, dass ein angemessener Anteil an Kernenergie Gesundheitsrisiken und negative Umwelteinflüsse des Energiesystems als Ganzes global eher senkt als vergrössert.

Ich kann Ihnen gern die Details erläutern, die mich zu diesen Erkenntnissen führen und ich kann Ihnen auch Fragen zur Sicherheit von Kernkraftwerken beantworten. Das würde ich aber lieber im direkten Kontakt tun, als in einer Serie von Briefen oder E-Mails. Bitte teilen Sie mir mit, ob Sie an einem solchen Kontakt interessiert sind.

Mit freundlichen Grüssen

Horst-Michael Prasser


C. Knüsli und A. Nidecker haben das Angebot für einen direkten Kontakt gerne angenommen. Sie werden Herrn Prof. Prasser am 13.6.2019 an der ETH Zürich zu einem Gespräch treffen. Auf Anregung von Prof. Prasser haben wir den obgenannten Wortlaut seiner Antwort (E-Mail vom 25.4.2019) auf unsere IPPNW.ch - Homepage übernommen. C.Bürgler, Geschäftsführerin, 13.5.2019.


Am 10. Mai 2019 erhielten wir zudem eine Reaktion von Albert Rösti, Präsident SVP Schweiz und Mitglied der Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie


Antwort von PSR/IPPNW Schweiz vom 27. Mai 2019

Am 4.7. 2019 haben wir von Herrn A.Rösti die Zusage erhalten, seinen Brief vom 10.5.2019 auf die Homepage zu nehmen. Ferner hat er bezüglich der Risiken auf die Grundlagen verwiesen, auf welche sich das ENSI bezieht."



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Claudia Bürgler,
24.04.2019, 03:38
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Claudia Bürgler,
24.04.2019, 03:38
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