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JA zum Atomausstieg : Ärztliches Plädoyer für die Gesundheit – JETZT und nicht erst in einigen Jahren !

veröffentlicht um 28.10.2016, 01:21 von Claudia Bürgler   [ aktualisiert: 28.10.2016, 01:23 ]

 

Offener Brief des Ärztekomitees für den Atomausstieg an Frau Bundesrätin Doris Leuthard vom 28.10.2016

JA zum Atomausstieg : Ärztliches Plädoyer für die Gesundheit – JETZT und nicht erst in einigen Jahren !

Sehr geehrte Frau Bundesrätin

Der Bundesrat und das Parlament hat 2011 die Energiewende unter dem Eindruck der Atomkatastrophe von Fukushima eingeleitet. Ausschlaggebend war dabei das Bewusstsein, dass die gewaltigen Risiken der Atomtechnologie für Leib und Leben höher gewichtet werden müssen als wirtschaftliche Gesichtspunkte. Ihre damalige magistrale Weitsicht im Dienste der Volksgesundheit verdient auch heute noch grosse Anerkennung.

Ihre jetzige ablehnende Haltung zur Atomausstiegsinitiative enttäuscht uns jedoch. Sie verwässert das ursprüngliche, verantwortungsvolle Bekenntnis zum Verzicht auf die Kernenergie, ja sie gefährdet den Atomausstieg grundsätzlich. Für uns ist nach erkannter Diagnose selbstverständlich, einem Patienten eine indizierte Therapie JETZT – und nicht erst irgendwann in der Zukunft – zu empfehlen. Kein Mensch würde verstehen, wenn wir einem Patienten mit Angina pectoris die zügige Einleitung der Behandlung erst in einem Jahr vorschlagen!

Ferner sind wir bei unserer täglichen Arbeit in der Medizin gewohnt, gesundheitliche Risiken abzuwägen. Patientinnen und Patienten und ihre Angehörigen erwarten von uns dabei in erster Linie, dass wir sie über die grossen Risiken informieren. Oft hören wir die Fragen: Frau Doktor, kann ich geheilt werden? Herr Doktor, werde ich diese Operation überleben? Selbst wenn die Wahrscheinlichkeit, eine Komplikation zu erleiden, als gering eingeschätzt wird, müssen wir die Patienten darüber informieren und die Konsequenzen für den einzelnen klar darlegen. Denn die reine Feststellung, dass ein Schaden selten vorkommt, nützt einem Betroffenen herzlich wenig.                                                                                                                                 

Wir vermissen in Ihrer Argumentation diesen Blick für das Hauptrisiko eines atomaren Unfalls – eine Kernschmelze – in einem der Schweizer Kernkraftwerke. Die Risikoanalyse einer internationalen Forschungsgruppe in Zusammenarbeit mit der ETH kommt zum Schluss, dass das Risiko eines atomaren Unfalls viel höher ist als bisher angenommen. Sie geht von einer 50%-igen Wahrscheinlichkeit aus, dass sich ein Unfall wie in Fukushima oder Tschernobyl in den nächsten 60 -150 Jahren wiederholt. Das Risiko in unserem Land wird von Versicherungen derart hoch eingeschätzt, dass es schweizweit keine Versicherung gibt, die bereit wäre, dafür eine Police auszustellen. Bei einem grossen atomaren Kraftwerkunfall ist von einer Schadensumme im hohen vierstelligen Milliardenbereich auszugehen.

In der Schweiz kann es jederzeit zu einem atomaren Unfall kommen. Die Konsequenzen für unser dicht besiedeltes kleines Land wären enorm. Dieses Ihnen bewusste „nukleare Restrisiko“ darf nicht in einem Nebensatz abgetan werden. Es besteht unabhängig davon, ob eine Aufsichtsbehörde wie das ENSI eine ausreichende Sicherheit bescheinigt oder nicht.

Auch wir Ärztinnen und Ärzte sind uns der Umweltbelastung durch Stromerzeugung in thermischen Kraftwerken bewusst. Sie kann jedoch nicht als Argument gegen einen zügigen Atomausstieg gelten, da moderne fortschrittliche Alternativen bereits jetzt bestehen und weltweit technisch rasche Fortschritte aufweisen. Die Industrie und das Gewerbe sind sich des dringenden Innovationsbedarfs im Energiesektor bewusst und handeln erfolgreich – Hand aufs Herz: Hätten Sie zu Beginn Ihrer Laufbahn als Politikerin damit gerechnet, dass Sie sich 2014 als Bundesrätin 100% elektromobil fortbewegen würden?

Aus ärztlicher Erfahrung wissen wir, dass gesundheitsschädigende Technologien durch die Wirtschaft leider über viele Jahrzehnte aus kurzsichtigen, finanziellen Interessen gegen besseres Wissen beibehalten werden. Am Beispiel der Asbestverwertung mussten auch Politiker lernen, dass ärztliche Warnungen ernst zu nehmen sind. Das Lehrgeld bezahlten - und bezahlen noch immer - Patienten, ihre Angehörigen und die öffentliche Hand. Heute ist der Verzicht auf Asbest im Bauwesen selbstverständlich.

Die Sicherheit und der Schutz der Schweizer Bevölkerung muss allem voran gestellt werden. Wir erwarten deshalb von den Politikern, dass sie die gesundheitliche Tragweite in ihre Entscheide einbeziehen. Wir hoffen, dass sie sich am 27.11.2016 unbefangen von wirtschaftlichen Überlegungen verantwortungsvoll für ein Ja zum Atomausstieg einsetzen.

 Mit freundlichen Grüssen

Für das Komitee „Ärztinnen und Ärzte für den Atomausstieg“:

 

Dr. med. Peter Kälin              Dr. med. Bettina Wölnerhanssen                Dr. med. Claudio Knüsli

Co-Präsident                          Co-Präsidentin

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Claudia Bürgler,
28.10.2016, 01:21
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