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Für ein energisches Ja!

veröffentlicht um 24.04.2017, 01:06 von Claudia Bürgler

WoZ vom 20.4.2017. Standpunkt von Claudio Knüsli Zur Kritik an der Energiestrategie 2050 in der letzten WOZ: Eine Entgegnung aus sozialmedizinischer Sicht.

Schon wieder eine Volksabstimmung mit einer komplexen Fragestellung? Zweifellos ist das Energiethema äusserst vielschichtig. Denn es geht sowohl jede und jeden in diesem Land an, es handelt sich um eine globale Problematik, und es betrifft auch die kommenden Generationen. Es geht jedoch um eine Abstimmung mit einer letztlich einfachen Antwort: Lieber Ja als Nein!

Was steht dabei auf dem Spiel? Der von den Menschen verursachte Klimawandel bedroht die lebensnotwendigen Ressourcen wie Nahrungsmittel, saubere Luft, Trinkwasser, Wohnraum – alles Voraussetzungen für die Gesundheit. Infolge des Klimawandels werden gemäss der Weltgesundheitsorganisation WHO in naher Zukunft weltweit jährlich Hunderttausende Menschen sterben und direkte medizinische Kosten in der Höhe von mehreren Milliarden US-Dollar anfallen.

Eine Abkehr ist unerlässlich

Die Hauptbetroffenen sind bereits jetzt die sozial Benachteiligten – insbesondere Menschen in Entwicklungsländern. Auch in Europa sind die Folgen mehr und mehr spürbar – besonders für Kleinkinder und ältere Menschen. In der Schweiz ist die Zunahme der Temperaturen in den vergangenen Jahrzehnten im globalen Vergleich überdurchschnittlich hoch. Dies führt auch bei der hiesigen Bevölkerung zu zunehmenden gesundheitlichen Störungen – bis hin zu lebensbedrohlichen Krankheitszuständen. Im Vordergrund stehen dabei Krankheiten der Atemwege, Allergien, Hitzeschäden oder Veränderungen des Spektrums der Infektionskrankheiten.

Der Klimawandel sowie das Atomenergiefiasko brennen so sehr unter den Nägeln, dass eine grundsätzliche Abkehr von der aktuellen hochgelobten «bewährten, bezahlbaren und sicheren» Energiepolitik unerlässlich ist. Diesen Prozess hat der Bundesrat, insbesondere seine damaligen vier Bundesrätinnen, nach dem Super-GAU im AKW Fukushima 2011 mit Weitsicht eingeleitet. Es geht nun vorerst darum, dafür Leitplanken auf Gesetzesebene zu erstellen.

Bis zum jetzt vorliegenden, mehrheitsfähigen Kompromiss wurde in den eidgenössischen Räten über viele Monate hart gestritten. Es grenzt an ein Wunder, dass Energiesparmassnahmen, die Erschliessung neuer nachhaltiger Energien zur CO2-Reduktion sowie der Atomausstieg inklusive Atomabfall-Wiederaufbereitungsverbot konsensfähig wurden. Letzteres geht in der laufenden Diskussion oft vergessen: Die Wiederverwertung von abgebrannten Brennelementen aus Schweizer Atomkraftwerken ist aufgrund des aktuell gültigen Kernenergiegesetzes verboten. Das Verbot leistet damit einen Beitrag zum Meeresschutz und zur Verhinderung der weltweiten nuklearen Rüstung. Es läuft jedoch im Sommer 2017 aus. Mit der Energiestrategie 2050 soll dieses Verbot ebenso wie das Verbot, neue AKWs zu bauen, definitiv im Gesetz festgeschrieben werden.

Der Spatz reicht uns

Möglich wurde der Kompromiss im Parlament nur durch die Bereitschaft der meisten Interessengruppen, «grosse Kröten zu schlucken». So ist es sicher schmerzhaft, wenn sich Abstriche beim Landschaftsschutz als unumgänglich erweisen. Das neue Energiegesetz bietet andererseits Hand zu einer teilweise dezentralen Energieversorgung. Dieser neue Aspekt ist sehr zu unterstützen, denn er wirkt der Machtkonzentration durch Energiekonzerne entgegen.

Die Frage, welche Mitglieder der Gesellschaft von der Energiewende, wie sie jetzt aufgegleist ist, kurzfristig mehr profitieren werden und welche weniger, darf nicht zu einer Polarisierung führen. Denn: Eine solche Polarisierung riskiert eine Blockade des angestossenen Prozesses. Dass auch noch das hiesige Wirtschaftsmodell im gleichen Atemzug von Grund auf revidiert und damit sozial gerechter werden könnte, wäre zwar hochgradig wünschenswert, ist jedoch nicht realistisch. Viel wichtiger ist die Erkenntnis, dass ein Aufbruch zu einer klimaverträglichen und nichtnuklearen Energiepolitik auf lange Sicht hinaus der gesamten Gesellschaft zugutekommt – nicht zuletzt durch neue Arbeitsplätze.

Wir sind mit dem Spatz in der Hand zufrieden: Langfristig dient es der Bevölkerung sowie der Umwelt, wenn mit der Energiestrategie 2050 dem Klimawandel rigoros entgegengetreten und der definitive Atomausstieg nach dem bisher wenig erfolgreichen, jahrzehntelangen Ringen nun doch endlich Tatsache wird. Aus ärztlicher Sicht ist dies eine sozial- und präventivmedizinische Notwendigkeit. Aus den nach wie vor unbewältigten Katastrophen in Tschernobyl und Fukushima mit Hunderttausenden betroffenen Menschen haben wir gelernt: Zu hoch sind die atomaren Risiken für Leib und Leben. Nur ein Ja zur Energiestrategie am 21. Mai kann hier die Weiche korrekt stellen.

Claudio Knüsli (65) arbeitete bis zu seiner Pensionierung Ende 2016 in Basel als Internist mit Spezialgebiet Onkologie. Von 2005 bis 2011 war er Präsident von PSR/IPPNW Schweiz, den ÄrztInnen für Soziale Verantwortung und zur Verhütung eines Atomkriegs.

Dieser Standpunkt bezieht sich auf die Texte «Sozial ist diese Wende nicht» und «Wenn nationale Bedeutungen zusammenprallen» in der WOZ Nr. 15/2017.

LeserInnenbriefe zum Thema Energiestrategie 2050 finden Sie hier.

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